Bis vor einigen Jahren gehörten evangelische und katholische Studentengemeinden zum festen Inventar des Hochschullebens. Selbst dass sich einzelne evangelische Universitätsgemeinden in den 1970er-Jahren als linksrevolutionäre Kampfzellen verstanden, konnte ihrer Verankerung in der Universitätswelt nichts anhaben. Doch nun verschiebt sich etwas. Die religionspolitischen Selbstverständlichkeiten der alten Bundesrepublik verblassen auch an den Hochschulen. Zunehmend stellen Leitungsorgane und Allgemeine Studierendenausschüsse (ASten) infrage, ob staatliche Hochschulen auch Orte religiöser Lebenspraxis sein dürfen.

Kirchliche Kreise berichten von Umbrüchen und Traditionsabbrüchen: Studentische Gemeinden können sich mit ihrem Veranstaltungs- und Beratungsangebot nicht mehr wie bislang in Orientierungsveranstaltungen für Erstsemester vorstellen, Flyer dürfen nicht mehr in der Mensa ausgelegt werden, Eröffnungs- und Abschlussgottesdienste für Studierende kommen nicht mehr in den Veranstaltungskalender, Räume werden nicht mehr überlassen. Eine Umfrage unter Evangelischen Studierendengemeinden zeigt kein einheitliches Muster, aber doch einen Trend: Sie verlieren an Akzeptanz. Die Tendenz ist in Großstädten und im Norden ausgeprägter als an kleinen Hochschulstandorten und im Süden.

Fragt man nach den Gründen für die Entwicklung, zeigen sich unterschiedliche Motivlagen: Die Universitätsleitungen werden heutzutage von Naturwissenschaftlern dominiert. Ihnen ist oft ein streng positivistisches Weltbild eigen. Religion und Vernunft scheinen ihnen nicht zusammenzupassen. Religion hat dann im akademischen Betrieb allenfalls in der Religionswissenschaft einen legitimen Ort.

Bei anderen Beteiligten steht das Unbehagen mit "dem" Islam im Vordergrund. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren maßgeblich in einem vermeintlichen Gebetskreis an der TU Hamburg-Harburg geplant worden, ohne dass jemand auf das Geschehen aufmerksam wurde. Nun behaupten Akademiker gerne, nicht generalisieren und keine Gruppe unter Pauschalverdacht stellen zu wollen – um genau dieses doch zu tun. Die Terrorzelle an der Universität blieb bis jetzt ein Einzelfall. Zuletzt traten in Europa eher Kleinkriminelle und gescheiterte Existenzen mit geringem Bildungsgrad als islamistische Gefährder in Erscheinung. Doch die Sorge vor Skandalen jeder Art bleibt an den Hochschulen groß. So wurden in den letzten Jahren Räume der Stille geschlossen, weil muslimische Nutzer Studierende anderen Glaubens eigenmächtig des Raumes verwiesen und eine räumliche Trennung nach Geschlechtern durchgesetzt haben. Solche Ereignisse zeigen, so ist dann zu hören, dass Religion besser als Privatsache zu behandeln sei, die an der Hochschule nichts zu suchen habe. Eng verwandt mit einer dieser Schlussfolgerungen ist ein dritter Begründungsstrang für die Zurückdrängung religiös geprägter Geselligkeit aus der Hochschulöffentlichkeit: Die Hochschulen hätten als staatliche Einrichtungen neutral zu sein. Die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates verbiete es, religiöse Aktivitäten in den Hochschulen zuzulassen.

Spätestens an diesem Punkt sind dann aus staatsrechtlicher Sicht Klarstellungen angebracht: Zur Neutralität verpflichtet ist der Staat selbst, nicht der Bürger. Die dürfen religiös, areligiös oder antireligiös sein und werden in jeder dieser Haltungen und Lebenspraktiken geschützt. Der Staat darf die Ausübung grundrechtlicher Freiheiten auch fördern und unterstützen, ohne hierdurch gegen das Neutralitätsgebot zu verstoßen. Nur diskriminieren darf er nicht.

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben bewusst davon abgesehen, das französische Modell der Laizität einzuführen. Deshalb wird das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes traditionell als wohlwollend-kooperative Trennung verstanden. Das deutsche Trennungsmodell will Religionen und Weltanschauungen aus dem staatlich verfassten öffentlichen Raum gerade nicht ausgrenzen. Diese Deutung ist nicht unumstritten. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2003 in seiner ersten Entscheidung zur Frage, ob eine Lehrerin an staatlichen Schulen aus Glaubensgründen ein Kopftuch tragen darf, betont, die religiös-weltanschauliche Pluralisierung könne Anlass für eine Neubestimmung des Neutralitätsgebotes durch den Gesetzgeber sein. 2015 setzte das höchste deutsche Gericht dagegen einen ganz anderen Akzent. Der Anblick eines Kopftuchs gehöre in Deutschland zum Alltag, also solle auch niemand daran in der Schule Anstoß nehmen. Es gebe keinen Grund, vom bewährten offen-integrativen Neutralitätsverständnis abzuweichen. Allenfalls bei einer konkreten Gefährdung des Schulfriedens könne von einer Lehrerin verlangt werden, ihre religiösen Belange zurückzustellen. Zu denken ist an Vorbelastungen durch schon vorhandene Konflikte um Religionsfragen in der Eltern- und Schülerschaft. Dann kann das Mäßigungsgebot für Lehrpersonen greifen, um einer weiteren Eskalation entgegenzuwirken.

Übertragen auf die Hochschulen bedeuten diese Grundsätze: Das an den Staat gerichtete Neutralitätsgebot verbietet keineswegs, religiöse oder weltanschauliche Belange von Studierenden zu berücksichtigen. Der Staat des Grundgesetzes ist offen für die Religionen und Weltanschauungen seiner Bürger. Ausdrücklich unterbunden werden dürfen studentische Aktivitäten nur, wenn die Funktionsfähigkeit der Hochschule ansonsten beeinträchtigt ist. Das ist nicht schon deshalb der Fall, weil Religion per se unvernünftig ist und an der auf wissenschaftlich abgesichertes Wissen verpflichteten Universität nichts zu suchen hat. Ein solch streng säkularistisches Weltbild darf sich der Staat gerade nicht zu eigen machen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die eigentliche Aufgabe der Hochschulen besteht natürlich darin, wissenschaftlich zu forschen und zu lehren. Eine Universität ist etwas anderes als eine Kirche oder Moscheegemeinde. Doch Hochschulen sind auch Lebensorte. Deshalb gibt es dort Mensen, Unisportgruppen, Chöre und Orchester, therapeutische Angebote, Kneipen und Cafés. Warum also nicht auch Gottesdienste und die Lektüre heiliger Texte? Schaut man sich das breite Spektrum der von den Hochschulen unterstützten Freizeitaktivitäten an, bedarf gerade der Ausschluss religiöser Aktivitäten einer besonderen Begründung. Eine grundlose Verbannung wäre eine nicht gerechtfertigte Ungleichbehandlung und damit eine nach Artikel 3 des Grundgesetzes verbotene Diskriminierung. Religiöse Studentengruppen haben deshalb zumindest den Anspruch, wie alle anderen studentischen Initiativen und Kreise behandelt zu werden.

Damit ist kein Freibrief für jeden Unsinn ausgestellt. Gleichbehandlung hat die gegenseitige Anerkennung und wechselseitigen Respekt zur Geschäftsgrundlage. Wer eigenmächtig einen allen Studierenden offen stehenden Raum der Stille in eine streng orthodoxe Moschee verwandelt, hat sein Nutzungsrecht verwirkt. Wer die Hochschule als Plattform nutzen will, um aus religiösem Eifer unsere liberaldemokratische Verfassungsordnung zu bekämpfen, muss dabei nicht noch mit staatlichen Mitteln unterstützt werden. Das Bundesverfassungsgericht hat diesen Grundgedanken in einer wichtigen Entscheidung zur Verleihung des öffentlich-rechtlichen Körperschaftsstatus festgehalten. Er ist auf andere Formen der staatlichen Förderung zu übertragen.

Um wirklich unappetitliche religiöse Gruppen außen vor zu halten, sollten Hochschulen eine Charta mit Grundsätze erarbeiten, die Gruppen mittragen müssen, wenn sie Räume oder andere Ressourcen nutzen wollen. Zu solchen Grundsätzen sollten etwa der säkulare Charakter der staatlichen Ordnung und ihre demokratische Legitimation gehören, aber auch die Achtung der Religionsfreiheit unter Einschluss des Religionswechsels, die Anerkennung der Würde aller Menschen, die vollständige politische und rechtliche Gleichberechtigung von Mann und Frau oder der Schutz individueller sexueller Selbstbestimmung unter Einschluss der sexuellen Orientierung.

Es wäre jedenfalls einen Versuch wert, sich auf solche Grundlagen des Zusammenlebens zu einigen und eine breite Verständigung zu suchen, bevor Hochschulen zur laizistischen Zone ausgerufen werden. Denn aus der Öffentlichkeit verdrängte Religion ist nicht einfach verschwunden. Sie kommt zurück, ohne sich Fragen nach ihrer sozialen Verträglichkeit oder ihrer Gemeinwohldienlichkeit stellen zu müssen. Das macht sie dann gewiss suspekt und zuweilen auch erst recht gefährlich.