Die neuen Studenten starren unentwegt aufs Smartphone und interessieren sich nur für sich selbst? Das ist Unsinn, findet der Dozent Christian Schüle.

Das akademische Halbjahr ist zu Ende gegangen, vier weitere Monate Lehre und Begegnung mit Studentinnen und Studenten zwischen 20 und 28 Jahren liegen hinter mir, und abermals kann, muss und will ich sagen: Die Jugend ist großartig! Die Frauen und Männer, die meine kulturwissenschaftlichen Seminare an der Universität der Künste Berlin aufsuchen, sind zum größten Teil intrinsisch motiviert, politisch interessiert, leidenschaftlich diskursiv, wach, mitteilungsfreudig, meinungsstark, selbstbewusst. Für mich ist das ein so erheblicher wie erfreulicher Erkenntnis-Effekt, war ich doch, als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal meinen Seminarraum betrat, auf alles gefasst.

Ich hatte mit lässigen Zuspätkommern gerechnet, mit auf den Tisch gelegten Tablets, mit fest in Händen gehaltenen Smartphones, mit nach unten gesenkten Köpfen und auf Displays starrenden Augen. Ich hatte mich eingestellt auf Vertreter einer Kohorte an Bachelorabsolventen, die nach Meinung vieler Kritiker kein oder wenig Interesse an geistiger Auseinandersetzung und intellektuellem Diskurs haben und mit entweder erzwungener oder erworbener Cleverness schauen, wie sie bei möglichst geringstem Widerstand geschickt durchs Semester surfen, um möglichst aufwandsfrei ihre nötigen Leistungspunkte zu sammeln.

Hinter allen Überlegungen stand und steht ja immer die Frage: Wer kommt da auf Deutschland zu? Lässt sich mit dieser Generation Y künftig Staat machen? Das scheint mir, weltgeschichtlich betrachtet, gerade heute unerhört wichtig zu sein, da die Universität eines der letzten vor Entertainment-Idiotie, Quotendruck, Gewinnerkult und Oberflächenpolitur geschützten Reservate ist (sein soll und sein muss) – um Wissen abzusichern, Gegenwart zu hinterfragen, Diversität zu denken, historische Sensibilität auszubilden und den Mut zu konstruktiver Kreativität in Zeiten zu lehren, da Meinungsgebrüll und Populisten-Schlichtheit immer mehr Köpfe beherrschen. Geht es heute nicht vor allem darum, an einem neuen Humanismus zu arbeiten? Sind konstruktiver Ein- und Widerspruch dafür nicht die wichtigste Ressource? Und wo sonst außer an den Universitäten könnte Kritikfähigkeit noch ökonomisch ungestört eingeübt werden?

Teilnehmer N. unterbrach mich brüsk: "Was haben Sie eigentlich für ein Menschenbild?" Bämm! Stille.


Zu Beginn jedes Seminars bitte ich erstens um das ›Sie‹, weil man sich intellektuelle Nähe und persönliche Vertrautheit erst gemeinsam erarbeiten muss und nicht voraussetzen soll – es geht ja um die Sache, nicht um Kumpanei. Zweitens bitte ich darum, Handys im Rucksack zu lassen, und beides klappt von Anfang bis Ende des Semesters. Jedes Mal ist von der ersten Minute an tatsächlich eine hohe Aufmerksamkeit zu spüren, als warten die Teilnehmer geradezu auf Anregungen zur Auseinandersetzung. Kontaktscheu gibt es nicht, von Hierarchie-Scham ist nichts zu merken – was gleich zu Beginn meines ersten Seminars übrigens zu folgender Szene führte: In einem sich gelehrt aufschwingenden Monolog umriss ich die Mythologie des Sündenbocks, plötzlich – und ohne durch ein "Entschuldigung" eingeleitet – unterbrach mich Teilnehmer N. brüsk mit der Frage: "Was haben Sie eigentlich für ein Menschenbild?" Bämm! Stille. Ja, was habe ich für ein Menschenbild? Ich sollte mich erklären? So war es, und schon waren wir ohne Umschweife mitten in der Diskussion um die Würde des Menschen und die Entstehung von Gewalt. Früh zeigte sich ein Muster, das alle Semester hindurch zu identifizieren sein würde: Die jungen Frauen und Männer, egal welcher Herkunft, sind überaus sensibel für faschistische und rechtsextreme Tendenzen, kennen sich in puncto Pegida und AfD aus, argumentieren idealistisch, oft universalmoralisch und gern noch sozialistisch, immer aber fundiert und auf Augenhöhe mit der Faktenlage. Ich bin verblüfft, wie schnell, hartnäckig, geduldig und zahlreich Wortmeldungswünsche signalisiert werden. Ich bin erstaunt, dass man einander ausreden lässt und aufeinander eingeht.