Eine Hand, die zum Abschied winkt, eine Hand, die brutal nach einer Brust grapscht, und eine Hand, die um einen Tanz bittet. Es sind nur drei kleine Ereignisse, doch sie verwandeln die schöne und beliebte Sera in eine Persona non grata, die fortan sogar von ihrer besten Freundin geschnitten wird. 150 Seiten später steht das schlanke Mädchen vor einem Spiegel, stopft sich Kissen unter die Kleider und ringt mit der Frage, was einen Menschen denn nun ausmacht: seine Erscheinung oder sein Wesen.

Es sind typische Teenagerfragen, die Stefanie Höfler in ihrem Roman Tanz der Tiefseequalle verhandelt. Doch wer sich erinnert, wie das Leben mit 14, 15, 16 Jahren war, oder wer gerade in dieser Lebensphase steckt, wird darin weit mehr (wieder)finden als läppische Pubertätsverwirrungen. Höfler erzählt nicht bloß die Geschichte eines beliebten Mädchens, in dessen heile Welt plötzlich Fragen um Werte und das Ringen um eine eigene, auch unbequeme Haltung hereinbrechen. Es ist zugleich ein Roman über Mobbing und die Gewalt von Sprache. Es ist die Geschichte eines vernachlässigten Kindes, das sich zum Schutz ein Speckpolster anfuttert. Es geht um Liebe, um Verrat und darum, was Freundschaft bedeutet. Kurzum, es geht um so ziemlich alles, was einen beim Erwachsenwerden umtreiben kann.

Doch zurück auf Anfang: Alles beginnt damit, dass Sera kurz die Hand hebt und Niko auf dem Schulflur winkt. Es ist wirklich keine große Sache, eine kleine Geste nur, ein hinterhergerufenes "Tschüs". Doch wenn man Niko ist, der dicke Außenseiter der Klasse, der erst am Morgen wieder vor versammelter Mannschaft drangsaliert wurde, dann ist ein Gruß von Sera, der ägyptischen Schönheit der Schule, eine Sensation. Und manchmal bewirken solch kleine Gesten große Veränderungen. Denn als Sera kurz darauf bei einer Klassenreise von Marko, dem obercoolen Macker der Klasse, begrapscht wird, schaut Niko sich das nicht bloß teilnahmslos an und hält sich heraus, wie es sonst seine Art wäre. Er stellt sich vor Sera.

Ausgerechnet mit Marko legt er sich an, dem Meister im Niko-Demütigen! Und ausgerechnet bei Niko, der fetten "Qualle", sucht Sera Schutz! Damit gerät das soziale Klassengefüge in Schieflage. Sera, die es mochte, "mittendrin" zu sein, auch wenn sie sich immer bemühte, nicht zu sehr aufzufallen, wird plötzlich ausgegrenzt. Ihr ist schnell klar, dass Marko "irgendeinen Scheiß" über sie verbreitet haben muss. Und sie reagiert darauf in einer zugleich aberwitzigen und bewundernswert trotzigen Weise: Statt bei der Klassendisco allein in der Ecke zu stehen, fordert sie Niko zum Tanz auf und – schlimmer kann es nun auch nicht mehr werden – haut danach mit ihm ab.

Höfler erzählt die Geschichte im Wechsel aus Nikos und aus Seras Perspektive. Eine klassische Konstruktion, doch selten gelingt es so überzeugend. Höfler gibt beiden Figuren durch Sprachrhythmus und Wortwahl einen ganz eigenen Ton: So schnodderig Sera quatscht, so reflektiert drückt sich Niko aus. Wo Sera emotional reagiert, bleibt Niko stoisch gelassen. Wenn Sera jedes überflüssige Wort weglässt und man sich zusammenreimen muss, was sie sagen will, neigt Niko zu ausschweifenden und wohlformulierten Reden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 9.3.2017.

So unterschiedlich sie sind, so fasziniert sind sie voneinander. Sie testen Grenzen aus, überrumpeln einander, und besonders Sera ertappt sich immer wieder bei vollkommen falschen Vorstellungen und Erwartungen. Überraschende Erkenntnis über den dicken Niko Nummer eins: Er tanzt grandios. Überraschende Erkenntnis über den dicken Niko Nummer zwei: Er kann über seine eigene Fettleibigkeit lachen – selbst dann noch, als eine Kinderschaukel aus den Angeln reißt und er schmerzhaft im Sand landet. Überraschende Erkenntnis über den dicken Niko Nummer drei: Er mag aussehen wie ein "junges Walross", ist aber "nicht schwabbelig-dick", und seine Handfläche ist "angenehm weich. Fühlt sich gut an."

Stefanie Höfler, Jahrgang 1978, kennt die Menschen, über die sie schreibt. Und sie kennt die perfiden Mobbing-Spielchen in Schulen und Klassengemeinschaften. Wenn sie nicht gerade in Elternzeit ist und Bücher schreibt, unterrichtet sie Deutsch, Englisch und Theater an einem Gymnasium im Schwarzwald. Sie weiß, wie die Seras und Nikos und auch Markos denken, sprechen, herumgockeln. Sie weiß, was sie quält und wie sie einander quälen. "Saugern" sei sie Lehrerin, sagt Höfler, und diese Sympathie für junge Menschen merkt man auch ihren Figuren an. Mit großer Warmherzigkeit zeichnet sie nicht nur Sera und Niko, liebevoll besetzt sie auch das Ensemble der Nebendarsteller: Nikos wortkargen Autoschrauber-Freund Osman und seinen hyperaktiven Kumpel Little. Oder Seras älteren Bruder Farid, der das an Worten verschwendet, was seine Schwester sich spart.

Zu Sera und Niko fällt aber selbst Farid, der sonst zu allem eine Meinung hat, keine Lösung ein. Er nennt die Gefühlsverwirrung seiner Schwester ein "klassisches Dilemma". Sie sei gern mit Niko zusammen, er sei schlau, witzig. "Und dann sieht der eben so aus. So, dass man echt unmöglich mit dem zusammen sein kann. Eigentlich."

Kann man wirklich nicht mit jemandem zusammen sein, nur weil er dick ist? Die Hälfte der Geschichte erzählt Niko, und er glaubt noch weniger als Sera daran, dass sich eine schöne Frau mit einem dicken Typen einlassen würde. "Natürlich könnte ich behaupten, dass ich selber gar nicht daran denke, dass ich dick bin, nur wäre das leider gelogen." Was andere reden, welche Namen sie ihm geben, Niko hört es alles. An der Art des Lachens erkennt er, ob jemand eine Gemeinheit ausheckt oder nur mitleidig giggelt. Seine Ohren seien empfindlich, sagt Niko, den Rest halte er für relativ robust; "sogar das mit dem Heulen" habe er inzwischen im Griff. Aber mit Seras plötzlicher Zuwendung wird Niko ganz schön durchgerüttelt in seinem Schutzpanzer.

Denn vor allem das ist sein Körper: Wie in einer Festung hockt Niko hinter all dem Speck, um bloß nicht noch einmal so verletzt zu werden wie damals, als seine Eltern sich trennten und ihn bei der Oma parkten. Seitdem ist Nikos Welt geteilt in ein Davor und ein Danach: "Davor – dort, danach – hier, davor – unbeschwert, danach – kompliziert, davor – dünn, danach – dick." Das ist für Sera die vielleicht überraschendste Erkenntnis über den dicken Niko: Er sah gar nicht immer so aus. Ist das die Lösung des großen Dilemmas? Könnte Niko nicht einfach wieder abnehmen?

Es wäre so leicht, diese Geschichte in einem plumpen Happy End aufzulösen. Zum Glück bleibt Stefanie Höfler konsequent – und ehrlich. Niko fragt: "Muss ich unbedingt anders werden, damit es besser wird?" Wieder so etwas, womit er Seras Weltsicht durcheinanderbringt: "Ich finde es gleichzeitig ziemlich komisch und ziemlich richtig und ziemlich bescheuert und ziemlich mutig, dass er bleiben will, wie er ist, und trotzdem echt und wirklich glücklich werden will."

Die beiden werden auch weiterhin keine einfache Geschichte miteinander haben. Ob es eine gemeinsame Zukunft gibt, bleibt offen. Aber an einem besonderen Ort finden Niko und Sera zumindest zum Ende des Romans kurz zusammen. In einem Element, das selbst Niko Leichtigkeit beschert.

Stefanie Höfler: Tanz der Tiefseequalle. Beltz & Gelberg 2017; 192 S., 12,95 €; ab 14 Jahren