Die Ausstellung ist eine kleine Sensation. Die meisten kennen ja nur Virginia Woolf. Büchernarren haben die Originalausgaben ihrer Romane vor Augen, Mrs. Dalloway (1925) oder Die Wellen (1931), frühe Werke der Moderne, Kostbarkeiten aus der Hogarth Press der Woolfs, sie sind verziert mit aparten Holzdrucken. Die Künstlerin? Vanessa Bell, die Virginia Woolfs große Schwester war, 1879 geboren, drei Jahre vor Virginia. Vanessa Bell malte auch die berühmten Porträts der Autorin, Virginia als junge Frau, vornübergebeugt, die Schultern schüchtern angehoben (1912). Oder: Virginia als müde Figur, das Gesicht leer gemalt, umfasst von einem orangefarbenen Ohrensessel (1912).

Vanessa Bell gilt in England als strahlende Figur, um die sich ein exzentrischer Freundeskreis drehte, in einem kreativen Reigen von unübersichtlichen Liaisons, der sich über alle Gendergrenzen hinweg entfaltete und den man Bloomsbury nennt, nach dem Londoner Stadtteil, in dem sie und ihre Schwester und ihre Freunde wohnten. Aber erst jetzt ist es gelungen, sie ausschließlich als Künstlerin in den Blick zu nehmen. Es ist die erste Einzelausstellung des Werks.

Porträts, Landschaften, Interieurs. Stillleben. Über hundert Bilder von Vanessa Bell, die meisten aus den Jahren 1912/13/14, auch Stoffe und Keramik aus der Werkstatt Omega, dazu Fotografien sind in der Dulwich Picture Gallery zu sehen, in diesem herrlichen Gebäude von Sir John Soane (1753 bis 1837) am südlichen Rand von London. Die Auswahl aus dem Werk ist nicht zufällig. Das Jahr 1910 war in der britischen Kunstwelt eine Wasserscheide. Der Kunstkritiker und Maler Roger Fry, übrigens einer der Liebhaber der jungen Vanessa, die später den Kunstkritiker Clive Bell heiratete, hatte in London mit der Ausstellung von Postimpressionisten einen Skandal ausgelöst. Die Leute liefen durch die Grafton Galleries in der Bond Street und höhnten über die Manets und Picassos. Männer mit Kokotten! Van Gogh war zu sehen mit schrundigen Alleen, über vierzig Gauguins, Matisse sowie, vielleicht am folgenreichsten: Cézanne. Die etablierte Kunstwelt tobte. Aber es nützte nichts. Die Welt war eine andere geworden. Und Vanessa Bell war eine der Künstlerinnen, welche die Inspiration aufsog und in Bilder umsetzte, weg vom Gezähmten und nur Hübschen, eine Explosion von Farbe, die pastös und in kraftvollen Strichen aufgetragen wurde, sich zu großen Flächen verband.

Vanessa Bells Bilder wirken "wie fliegende Sätze", schrieb Virginia Woolf

Sie war die Tochter eines Gelehrten. Sir Leslie Stephen residierte mit seiner Familie am Hyde Park Gate, in einem schattigen Interieur voller Samt und Draperien. Nach dem frühen Tod der Mutter saßen die Mädchen in einem Gefängnis patriarchaler Tyrannei. Sir Leslie forderte Service und Liebe. Er starb 1904. Erst der Tod des Vaters habe sie frei gemacht, wird Virginia schreiben, hätte er länger gelebt, wäre ihr Werk nie entstanden. Das ist ein wenig falsch. Die Schwestern hatten eine außergewöhnliche Ausbildung genossen. Zwar durften sie nicht wie die zwei Brüder nach Cambridge, aber es gab für Virginia Papas unendliche Bibliothek. Vanessa radelte zur Royal Academy, zum Unterricht bei John Singer Sargent. Sie hatte in Paris Picasso in seinem Atelier besucht, mit Gertrude Stein, wem sonst.

Die beiden Schwestern hatten ihre Passionen früh und ernsthaft verfolgt. Vanessa stelle man sich im Elternhaus vor, an der Staffelei skizzierend, und Virginia, am Stehpult schreibend, auf Augenhöhe mit der Älteren. Es war ein sich gegenseitig anfeuernder, gelegentlich quälender Wettbewerb.

Vanessa Bells Bilder wirken oft, schrieb Virginia Woolf, als seien sie "aus fliegenden Sätzen gebaut". Man sieht etwa eine Gruppe von Frauen, die sich, in eine Unterhaltung vertieft, einander zuwenden, es sind groß geschnittene, gegeneinandergeschobene Farbflächen. Andersherum betrachtet, wirken Szenen aus Virginia Woolfs Büchern oft wie Bilder. Das Geflirre von Laub in einem grünen Zimmer am Morgen. Ihre Schwester Vanessa wird von Virginia so beschrieben, als betrachte sie ein Porträt – als"eine Mischung aus Göttin und Bauersfrau, die mit den Füßen auf Wolken tritt und mit den Händen Erbsen pult".