Vergangene Woche tötete der 19-jährige Einzelgänger Marcel H. zwei Menschen. Aus reiner Mordlust, wie es scheint. Der Fall sorgte für Entsetzen, auch weil in dem berüchtigten Onlineforum 4chan Bilder auftauchten, die H. vom Leichnam eines seiner Opfer machte, dem neunjährigen Sohn der Nachbarn. Noch auf der Flucht vor der Polizei hatte H. die Fotos einem 4chan-Nutzer geschickt. H., der sich als "internetsüchtig" bezeichnet, schrieb dem Bekannten bereits kurz vor der Tat, er werde etwas "Knastwürdiges" tun. "Willst später 4chan-reife Bilder?"

Gemessen an der Bedeutung, die 4chan für die gesamte Netzkultur hat, kennen vergleichsweise wenige die Website aus eigener Anschauung. So kam es auch zu der anfänglichen Falschinformation, Marcel H. habe die Bilder im Darknet hochgeladen, einem nur mit Verschlüsselungsprogrammen zugänglichen Teil des Internets. 4chan jedoch ist für jeden im Browser aufrufbar. Dennoch unterscheiden sich Seiten wie 4chan, sogenannte Imageboards, von anderen Netzforen. Ihnen liegt eine besondere Architektur zugrunde, in den virtuellen Gesprächen soll größtmögliche Anarchie walten. Alle Nutzer kommentieren bei 4chan anonym, es existiert keine Möglichkeit, sich mit einem echten oder ausgedachten Namen zu registrieren. Jeder Kommentator heißt "Anonymous". 4chan bietet auch keine Möglichkeit, einzelne Beiträge zu bewerten und ihnen, Daumen hoch, Daumen runter, mehr oder weniger Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Seite verfügt nicht einmal über ein eigenes Archiv, ältere Posts werden automatisch gelöscht.

Was nutzerunfreundlich klingt, wurde gerade durch diese Beschränkungen zum fruchtbarsten Urschlamm aller Netzkultur, vor allem zum Geburtsort sogenannter Memes – im engeren Sinne sind damit Text-Bild-Montagen gemeint, die sich im Internet viral verbreiten. Entscheidend geprägt wurde diese Kulturtechnik bei 4chan. "Veröffentlichen Nutzer Inhalte nicht immer wieder neu, gehen diese verloren", schreiben die beiden Autoren Christian Heller und Nils Dagsson Moskopp in ihrer Kulturgeschichte Internet-Meme über 4chan. "Was sich so bewährt, kann sich oft genug auch an anderen Orten durchsetzen." 4chan verkörpert die reine Lehre der Aufmerksamkeitsökonomie, den von keinen regulierenden Kräften mehr gesteuerten Kampf um Sichtbarkeit. Nicht einmal von Kräften des Geschmacks oder der Moral. Obwohl sich später Splittergruppen aus dem 4chan-Umfeld lose zum linken Hackerkollektiv Anonymous zusammenschlossen, präsentierte sich 4chan über Jahre als maximal ideologiefreier Ort, an dem als einziges Ideal die uneingeschränkte Meinungsfreiheit interessierte. Unter anderem fänden sich bei 4chan "sexistische und rassistische Witze, Leichenbilder und Fäkalpornos", heißt es in Internet-Meme, "die Betreiber zensieren diese Inhalte im Allgemeinen nicht". Viele 4chan-Nutzer stilisieren sich auf der Seite selbst zu jenem Klischee, das der Laie erwartet: "Einsame, sexuell unterversorgte Kindmänner, die, ihren eigenen häufigen Witzen darüber zufolge, bei den Eltern in der Kellerwohnung leben", so beschreibt es der Autor und Comic-Künstler Dale Beran in einem viel beachteten Essay über die 4chan-Kultur. Sie verschlingen Pornografie und Computerspiele, interessieren sich für Mangas und Animes, japanische Comics. Zur Selbststilisierung gehört auch, sich als "incel" zu bekennen. Eine Abkürzung für involuntarily celibate, unfreiwillig zölibatär. Andere nennen sich "Beta-Männer", um sich von den sozial befähigten, gut aussehenden Alpha-Männern abzugrenzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

"Mein erster Mord auf 4chan", jubelte ein Anonymous, als Fotos des Opfers von Herne auf der Seite auftauchten. Für das Forum war es keineswegs der erste Mord. Im November 2014 erwürgte ein damals 33-jähriger Mann in Portland, Oregon, seine Freundin. Er postete mehrere Fotos, die ihre nackte Leiche zeigten, auf 4chan. Dazu schrieb er: "Stellt sich heraus, dass es viel schwieriger ist, jemanden zu erwürgen, als das in den Filmen aussieht." Und: "Ihr Sohn kommt bald von der Schule nach Hause. Er wird sie finden und die Polizei rufen. Wollte nur die Bilder zeigen, bevor die mich finden." In ihrem Essay The New Man of 4chan vertritt die Autorin Angela Nagle die These, dass einige 4chan-Nutzer reale Gewalt nicht nur als Tabubruch und Spektakel goutieren, sondern manchmal als ideologische Tat befürworten. Als ein 26-jähriger Student an einem US-College neun Menschen erschoss und sich anschließend selbst tötete, wurde der Amoklauf von einem 4chan-Nutzer als Beginn der "Beta-Rebellion" gefeiert. In einer Online-Partnerbörse hatte der Täter angegeben, er interessiere sich für "Internet, Zombies töten, Filme, Musik, Lesen". Außerdem lebe er noch bei seinen Eltern. Das halb ironische Spiel, das die vermeintlich marginalisierten Beta-Männer mit der eigenen Opferposition treiben, schlägt auf 4chan um in politischen Hass, behauptet Nagle. Sie sieht dort eine neue, ganz eigentümliche Misogynie am Werk, die traditionelle männliche Rollenbilder genauso ablehnt, wie es Feministinnen tun. Der eigentliche Feind des Beta-Manns ist dennoch die moderne Frau, die ihn immer wieder verschmäht. Diese "neuen Männer" fühlen sich durch einen Feminismus bedroht, der ihnen sexualisierte Gewalt in Computerspielen und Pornografie verbieten will. Der sie als Täter missversteht, obwohl sie sich doch als Opfer sehen.

Marcel H. hat sich bei seiner Tat nicht auf eine Beta-Rebellion bezogen. Für manche 4chan-Beta-Männer dürfte er jedoch einer von ihnen sein. Seine Abschiedsworte an den Bekannten stammten aus der beliebten Anime-Serie Cowboy Bebop: "See you, Space Cowboy."

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