Die Szene in dem Konferenzraum in Teheran erinnert an Speed-Dating: Jeder will möglichst viel über den anderen erfahren. Jeder will sich selbst möglichst verlockend darstellen. Jeder will zeigen, wie gut er in Beziehungen ist. Und das möglichst schnell. Auf der einen Seite des Tisches sitzen iranische Professoren, auf der anderen Seite deutsche Wissenschaftsförderer. Sie sind unterwegs in der iranischen Hauptstadt, um potenzielle Partner kennenzulernen. Vier Universitäten, das Wissenschaftsministerium, die Behörde des Vizepräsidenten für Wissenschaft, die Teheraner Handelskammer und der iranische Venture-Capital-Verband stehen auf ihrem Programm. In nur zwei Tagen. Also Tempo!

Seit dem Atomabkommen und der Lockerung der Sanktionen vor gut einem Jahr weckt der Iran nicht nur bei ausländischen Wirtschaftsgesandten Frühlingsgefühle, auch Wissenschaftsdelegationen drängt es in das Land. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft war schon da, die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft. Der Deutsche Akademische Austauschdienst hat bereits 2014 ein Büro in Teheran eröffnet. Und jetzt ist die Robert-Bosch-Stiftung hier. Sie initiiert und unterstützt Projekte, die sich um Wissenschaft, Gesellschaft und Völkerverständigung kümmern. (Finanziert wird das aus Dividenden des schwäbischen Unternehmens. Die Stiftung ist jedoch gemeinnützig.)

Der Iran bringt exzellente Wissenschaftler hervor – daher das heftige Werben. Die Hoffnungen, dass es erhört wird, sind in den vergangenen Wochen gestiegen. Joachim Rogall, der Chef der Stiftung, formuliert es so: "Die Zusammenarbeit mit den USA und Großbritannien wird schwieriger werden. Jetzt wollen wir die besten Köpfe anlocken." Donald Trump, der Brexit – beides könnte Deutschland attraktiver machen, meint er. "Es wäre unklug, wenn wir diese Situation nicht für uns nutzen würden."

Also Speed-Dating in Teheran. Erste Station: die Scharif-Universität für Technologie, eine Elite-Uni. Zehn Professoren sitzen nebeneinander aufgereiht am Tisch. Jeder hat fünf Minuten Zeit, um seine Arbeit vorzustellen. Streng achtet der Universitätspräsident auf die Uhr. Los geht’s! Den Anfang macht Dschawad Salehi, ein dynamisch wirkender Typ, graues Haar, grauer, gut geschnittener Anzug: Studium an der University of California in Irvine, Gastforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT), zwölf US-Patente, seit 20 Jahren zurück im Iran. Wegen seiner Frau, sagt er, die habe er bei einem Heimatbesuch kennengelernt. Gerade forscht Salehi an Lasernetzwerken, mit denen man unter Wasser geräuschlos kommunizieren kann – und beobachten. Da wären Details interessant, aber die Zeit ist um. "Der Nächste", mahnt der Präsident.

"Im Namen Gottes": So beginnt die Präsentation – dann folgt Hightech

Der Nächste ist die Nächste. Asam Iradschisad, einzige Frau in der Reihe, Chefin des Nanotechnik-Instituts (des ersten im Land), an der britischen Sussex University promoviert. Sie trägt ein dunkelbraunes Kopftuch, tief in die Stirn gezogen. Die Liste ihrer Projekte nimmt gar kein Ende: Sensoren, die Gas aufspüren können, dazu habe man mehr als 80 Fachaufsätze veröffentlicht; einen Verdunstungsschutz aus Nanopartikeln für den Urmiasee im Nordwesten des Landes; Zellchips zur Krebsdiagnose – "Noch eine Minute!", mahnt der Präsident – und, fährt Iradschisad schnell fort, auch ganz wichtig, Roboter-Ethik.

Dann der Nächste: Hamid Rabiee, Studium in Kalifornien, Jobs bei den Konzernen AT&T und Intel, seit 17 Jahren zurück im Iran. Die PowerPoint-Präsentation des Computeringenieurs beginnt unter der Überschrift In The Name of God. Er hat das Forschungszentrum für Informations- und Kommunikationstechnologie an der Scharif-Universität gegründet, kooperiert mit dem MIT, der University of California in Berkeley, dem University College London ... – "Noch eine Minute!"

So geht es weiter. Die allermeisten der Professoren haben an renommierten US-Universitäten studiert, manche auch in Kanada, zwei haben an Max-Planck-Instituten in Deutschland gearbeitet. Wer hier am Tisch sitzt, kennt den Westen besser als die Besucher aus Deutschland den Iran. Und die meisten forschen an Themen, die international aktuell sind: Cloud-Computing, Internet of Things, Big Data, Mobile Government, Tissue-Engineering.

Anschließend noch ein Blick in ein paar Labore, nur kurz, die Zeit drängt. Über einem der Eingänge hängt ein Cartoon mit steineklopfenden Urmenschen, daneben der Spruch "Erfinde das Rad nicht neu!". Lange war den iranischen Forschern kaum etwas anderes übrig geblieben, weil die Sanktionen gegen das Land die Einfuhr von Hightech erschwerten. In den vergangenen zehn Jahren hinderten strenge Restriktionen den Iran zusätzlich daran, seine Gas- und Ölreserven zu Geld zu machen. Deshalb setzte der Staat auf die Entwicklung einer wissensbasierten Wirtschaft und förderte Wissenschaft und Forschung. Humankapital statt Petrodollars: Das ist einzigartig in der Region.

Der Anteil iranischer Forscher an der weltweiten Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen vervierfachte sich zwischen 2005 und 2015 beinahe, damit stieg das Land auf Platz 16 in der Welt auf. Besonders rasant ist die Entwicklung in der Nanotechnik. Noch im Jahr 2003 arbeiteten weniger als 600 Forscher in dem Feld. Nach einem staatlichen Förderprogramm sollen es heute mehr als 20.000 sein (die den Iran auf Platz 7 der Publikationsweltrangliste brachten). Als Nächstes soll eine ähnliche Initiative in der Biotechnologie folgen, heißt es vom Stab des Vizepräsidenten für Wissenschaft.