Fernreisende müssen in Deutz ins trübe Souterrain hinunter. In Köln ist an diesem Samstag vieles träge und grau. Der Himmel, der Bahnsteig, die Menschen. Nur wenige warten auf den ICE nach München. Einer jongliert gelassen mit zwei Koffern (einem kleineren und einem größeren), einem Coffee-to-go-Becher und einem Stück Schnellbackware. Sportiver Gang, aufgeweckter Blick. Sein Name: Andreas Ottensamer. Sein Ziel: Frankfurt. Der Musiker ist auf Konzerttournee, am Abend zuvor hat er in der Kölner Philharmonie gespielt, an diesem Tag tritt er in der Alten Oper auf. "Achtung, auf Gleis 11 erhält jetzt Einfahrt ..."

Weiter vorne findet sich eine ruhige Ecke, der kleinere Koffer landet in der Gepäckablage, mit Vorsicht, denn er beherbergt Ottensamers Kapital und Arbeitsgerät, eine Klarinette. Um den Hals des 27-Jährigen rankt sich ein großer Kopfhörer. Ob er während seiner Reisen noch Musik hört? Er lacht: "Das sind noise canceler, die möglichst viele Nebengeräusche absorbieren – gerade im Flieger sehr angenehm." Interpreten von Rang führen meist ein Vagabundenleben. "Die viele Zeit unterwegs versuche ich möglichst sinnvoll zu nutzen, entweder zum Lesen von Partituren oder auch um Mails zu beantworten." Obwohl der Klarinettist seit vielen Jahren in Berlin lebt, ist sein österreichischer Akzent nicht zu überhören. Ottensamer stammt aus einer Wiener Musikerfamilie. Die Mutter ist ungarischer Herkunft und spielt Cello, Vater und Bruder blasen Klarinette bei den Wiener Philharmonikern. Andreas selbst zog es 2011 zur Konkurrenz nach Berlin. Als Trio nennen sich die Ottensamers The Clarinotts und sind ein Sonderfall im internationalen Musikgeschäft.

Studiert hat Andreas Ottensamer in Wien und in Harvard, bevor er nach Berlin kam, erst zum Deutschen Symphonie-Orchester, dann zu den Philharmonikern. Dort ließ man ihn nach der Probezeit erst einmal zappeln, später wurde er fest angestellt. Eine kleine Erdungsphase für den notorischen Überflieger?

Hinter Siegburg legt der Zug einen Zahn zu, mit Hochgeschwindigkeit geht es durch den Westerwald. Später wird er Mannheim passieren, jene Stadt, der Ottensamer und die Kammerakademie Potsdam nun eine CD gewidmet haben. Zumindest indirekt. Denn im Zentrum dieser Aufnahme stehen drei Komponisten, die in Mannheim oder von dort ausgehend Musikgeschichte geschrieben haben: Johann und Carl Stamitz sowie Franz Danzi. "Mannheim ist faszinierend, weil ..." – "Wir begrüßen alle zugestiegenen Fahrgäste", plärrt die Lautsprecherstimme – "... alles rund um die Mannheimer Schule heute unterbelichtet ist, das läuft irgendwie unterhalb des Radars."

Wer hat Mozart den Boden bereitet? Es waren Musiker aus Mannheim!

Vor rund 250 Jahren brummte das Musikleben beim Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz. Koryphäen aus ganz Europa gaben dort ihr Stelldichein. Der Mannheimer Hof war das Silicon Valley für Musiker. Begriffe wie "Mannheimer Rakete" oder "Mannheimer Seufzer" machten Schule und charakterisierten bestimmte musikalische Effekte. Sie alle zählen zu den "Mannheimer Manieren", deren neuartige Wirkung sich rasch bis in die Zentren Wien und Paris ausbreitete und die auch Mozart, Beethoven und Co. entscheidend prägen sollten.

Entstanden sind sie nicht als Folge eines spektakulären Lehrstreits, wie etwa bei Gluck und dem Reformzoff um die Erneuerung der Oper. Prompt breitete die Rezeption ein Mäntelchen der Verharmlosung darüber: Das Mannheimer Musikleben steht nicht für eine musikalische Krawall-Bewegung? Dann kann es so bedeutsam wohl nicht gewesen sein! "Man denkt gemeinhin, dass sich da eine Gruppe von Nerds zusammengefunden und mal ein bisschen lauter oder leiser als üblich gespielt hat", bestätigt Ottensamer. "Doch erst wenn man genauer hinschaut, wird klar, was das für eine inspirierte und inspirierende Truppe gewesen sein muss. Da wurde vieles über den Haufen geschmissen, da wurde radikal aufgeräumt mit dem, was so Usus war."

Ottensamers CD trägt den Titel New Era. Denn im Grunde haben Stamitz, Danzi und die anderen Mannheimer genau das Gegenteil von dem gemacht, wofür sie heute stehen. Derzeit rangieren sie oft unter dem Etikett des Gefälligen, doch in Wahrheit waren sie alles andere als das. "Es gibt die ganz großen Musiker, die immer über allem stehen werden, wie Mozart zum Beispiel", erklärt Ottensamer. "Und es gibt diejenigen, die den Boden für diese Genies bereitet und erste Steine ins Rollen gebracht haben – und dafür entweder vergessen oder belächelt werden. Ein Stamitz aber hatte den Drang und hat auch den Mut besessen, etwas Neues zu wagen, als Interpret und als Komponist, ganz unabhängig von etablierten Systemen und Normen." So ist eine Musik entstanden, die viel direkter und risikofreudiger ist als ihr Ruf. Man muss es nur hören wollen.

Andreas Ottensamer glüht für die Mannheimer, das spürt man, er spricht jetzt schneller, die Gedanken fliegen, die Argumente sprudeln. "Mit welcher Selbstverständlichkeit die damals ein vollkommen neues Instrument wie die Klarinette ins Orchester integriert haben! Mozart war davon völlig begeistert und hat es sofort seinem Vater geschrieben." Doch der Ruhm von einst ist einem Problem von heute gewichen: "Es ist keine definierte Epoche, denn die Mannheimer Schule liegt genau zwischen Barock und Klassik, sie lässt sich also nicht eindeutig zuordnen, und das ist für die Nachwelt immer schwierig."