Sonnenhof ist, wie bei solch frohgemuten Namensgebungen ja nicht selten, alles andere als sonnig. Auch in seinen besten Zeiten, das heißt in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, hatte er der Beherbergung von sozialen Problemfällen gedient. Heute ist er nur noch ein Schatten seiner selbst, eine mehr oder weniger verwahrloste Landkommune am Rand von Hamburg. Hier wohnen der Halbtunesier Ramafelene, der den Laden noch einigermaßen zusammenhält und seine Leute mit zunehmend genervter Langmut ermahnt, sie sollten wenigstens mal wieder den Hühnerstall ausmisten; seine deutsche Mutter, die Gründerin, inzwischen völlig in Nörgelei und Esoterik abgetaucht; der alte Ludi und die alte Wendy, ein leicht dementes Liebespaar; Küwi, ein bedächtiger Bastler, der nachts mit dem Metalldetektor auf die Suche nach Schrott und Schätzen geht; und ein namenloser Freak, der mit dem Rasenmähertraktor über die Wiese fegt, auch wenn da schon längst kein Halm mehr wächst.

Der Schriftsteller Andreas Stichmann © Patricia Neligan

Diese stagnierenden Verhältnisse werden durch zwei Neuankömmlinge aufgemischt. Erst taucht Bibi auf – siebzehn Jahr, blaues Haar –, die hier ihre Sozialstunden ableisten soll, weil sie mit einer Gaspistole eine Tankstelle überfallen hat; bald schon entspinnt sich eine zarte Romanze zwischen ihr und Ramafelene. Wer die Action jedoch wirklich in Gang setzt, das ist David van Geelen, den Küwi bei seiner nächtlichen Schatzsuche aufliest und der einen Plan hat.

David stammt aus einer reichen Familie, hat sich aber voll Ekel von der ererbten Firma abgewendet und sie seinem geschäftstüchtigen Bruder Sebastian überlassen. Stattdessen will er die Welt retten. Wie, das weiß er noch nicht so genau, aber jedenfalls soll es freiwillig und ohne Blutvergießen vor sich gehen. Vor allem muss die Bewegung einen schmissigen Namen kriegen; und was läge da näher als "Seapunk"? Steampunk scheint darin anzuklingen, jene wehmütige Glorifizierung der spätviktorianischen Epoche samt ihren schönen technischen Geräten aus Glas und Messing. Seapunk ruft auf zu revolutionärer Praxis; aber eigentlich trägt es sentimentale und nostalgische Züge. David selbst nennt sich programmatisch Sydney Seapunk – mehr Programm gibt es vorerst nicht. Abschaffung des Welthungers? Ausmerzung der Neglected Tropical Diseases (NTD)? Ausrüstung einer Friedensmission im Weltraum? Hat alles was für sich, können wir drüber reden.

Auch der Autor legt sich da nicht fest. Andreas Stichmann, Jahrgang 1983, hat mit Das große Leuchten schon mal einen Roman geschrieben, in dem eine jugendliche Tankstellenräuberin durchgebrannt ist. Dass er über den Comic zur Literatur kam, sieht man an den bunten Collagen, die das Buch begleiten und ihm offenbar wichtig waren. Himmelblau, teils auch rosa und gelb grundiert, verflechten sie sich mit der Handlung allerdings nur schwach. Ehrlicherweise nennt Stichmann die Quellen der Bilder, lässt so aber auch erkennen, dass die faszinierenden Einzelmotive – Flugsaurier mit Monitor-Köpfen, beflaggte Zeppeline, Wale usw. – bloß Fundstücke sind und sein eigener Beitrag sich auf die Verteilung in der Fläche beschränkt. Die Kompositionen wirken geistesabwesend und ratlos. Wenn das Seapunk sein soll: Dann ist es tot geboren.

Mit seiner Methode der intensiven persönlichen Zuwendung (er hat hierzu mehrere Ratgeber verfasst) geht Sydney-David den Sonnenhöflern bald mächtig auf den Wecker. Doch da er für seinen Aufenthalt pro Tag 300 Euro zahlt und täglich vegane Pizza für alle ordert, hat er starke Argumente. Um wirklich etwas zu bewegen, braucht man natürlich andere Summen. Sydney schlägt vor, die Sonnenhöfler sollten seine Entführung vortäuschen: Dann bliebe seinem Bruder Sebastian gar nichts anderes übrig, als die geforderten vier Millionen auszuspucken.

Das klingt in solch geraffter Fassung alles erst mal ganz witzig. Aber genau hier steckt das Problem des Buchs. Für den Witz gilt: In der Kürze liegt die Würze. Ein Roman hingegen definiert sich durch seine Länge; sein Auftrag besteht darin, ein Stück Welt gerade durch seine Ausführlichkeit vorstellbar werden zu lassen. Der Leser soll in Figuren und Entwicklungen hineinwachsen und in einer Weise Anteil nehmen können, die, bei allem Kunstanspruch, ihren Grund letztlich im Stoff hat. Dass der Stoff als solcher seine Würde besitzt: Auf dieser Voraussetzung beruht der realistische Roman. Die Witzfigur, auf ihren bloßen Unterhaltungswert heruntergebrochen, hat im Roman, anders als im Theater, keinen Platz. Und es sollte in Romanen auch der Plot nie solch rasante Konfusion erreichen, dass es schließlich schon wurscht ist, wie es ausgeht.