Sie trägt einen koreanischen Nachnamen, sie sieht koreanisch aus, und ihr neuer Roman heißt Die große Heimkehr. Diese drei Elemente genügen, um sich von Anna Kims Buch ein Bild zu machen, noch bevor man auch nur eine Seite gelesen hat: "Ah, ein Roman mit Migrationshintergrund! Offenbar kehrt da eine deutsche Schriftstellerin schreibend in das Land ihrer Familie zurück." So funktionieren unsere Rezeptionsreflexe, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Und diese Reflexe sind noch nicht einmal ganz falsch, nur so grob, dass sie die Sache doch ums Ganze verfehlen.

Der Titel von Anna Kims Roman beschreibt keine autobiografische Bewegung, sondern meint ein historisches Ereignis. Unter der Parole "Die große Heimkehr" verkündete Kim Il Sung, der kommunistische Diktator Nordkoreas, 1960 allen Koreanern, die in Japan lebten, sie seien jederzeit willkommen in seinem Staat, Schulen, Wohnungen und Arbeit stünden zur Verfügung. Dazu muss man wissen, dass es in Japan, vor allem in der Stadt Osaka, eine große koreanische Exklave gab. Die Aktion einer Heimholung von Diaspora-Koreanern war mit der japanischen Regierung abgesprochen, bei der ehemaligen Kolonialmacht hatte man nichts dagegen, ein wenig Druck aus dem Kessel zu lassen, indem Teile der überwiegend kommunistisch gesinnten koreanischen Minderheit das Land Richtung Nordkorea verlassen würden.

Um dieses Ereignis herum hat Anna Kim sehr sorgfältig einen historischen Roman gebaut, der vor allem die Zeit zwischen 1945 und 1960 abdeckt, also vom Ende der japanischen Kolonialherrschaft in Korea über den anschließenden Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden und die Teilung des Landes entlang des 38. Breitengrads bis zur Übernahme der Macht in Südkorea durch das Pak-Regime 1960.

Wir treffen Anna Kim in Berlin, der Stadt, in die sie vor Kurzem von Wien übergesiedelt ist. Wenn sie spricht, hört man eine österreichische Färbung, aber nur sehr fein – wie überhaupt alles bei ihr immer diesen Zug ins Feine, Subtile hat. In dem Wiener Vorort Hietzing, wo sie aufgewachsen ist, sei, sagt sie, zu starkes Wienerisch verpönt gewesen.

Wir sprechen sie auf den Titel an, dass man ihn auch verstehen könne als die Heimkehr einer österreichischen Schriftstellerin mit koreanischen Wurzeln ins Land ihrer Eltern. Sie nickt, in einer gleichsam gewähren lassenden Weise, um dann mit einem leichten Unschuldsblick das Gegenteil zu sagen: "Mehr noch als aus familiären Gründen hat mich Korea aus politischen Gründen interessiert. Der Kalte Krieg war für mich immer ein Faszinosum. Das ist kein Wunder, für eine Wienerin waren die ungarischen Flüchtlinge von jenseits des Eisernen Vorhangs prägend." Sie legt eine kurze Pause ein, um dann zu bekräftigen: "Mein Interesse an der politischen Situation hat überhaupt erst das Interesse für meine Familiengeschichte geweckt."

Tatsächlich hatte der Kalte Krieg in Korea seine sowohl grausamste wie groteskeste Zuspitzung erfahren – und das hält bis heute an. Anders als im geteilten Deutschland wurde die Bevölkerung quasi für das politische System, unter dem sie lebte, mitverhaftet. Konkret hieß das: Wen es im Bürgerkrieg in den Süden verschlagen hatte, während seine Verwandtschaft weiter im Norden lebte, der wurde nicht etwa als Opfer gewaltiger geschichtlicher Kräfte betrachtet, sondern er wurde als potenzieller Spion, als kommunistischer Agent beschattet, verhört oder eingesperrt – umgekehrt genauso. Das führte zu einer einzigartigen Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas, einem Maximum an Misstrauen und Paranoia sowohl in der proamerikanischen Militärdiktatur im Süden wie im stalinistischen Terror-Regime des Nordens. Erst in den achtziger Jahren wurde das Prinzip "Mitschuld der Blutsverwandten" im südkoreanischen Rechtssystem aufgegeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Auf die Lebensläufe hatte das desaströse Auswirkungen. Davon erzählt Die große Heimkehr auf sehr raffinierte Weise. Sosehr Anna Kim nämlich ihr historisches Interesse an dem Stoff in den Vordergrund rückt, spiegelt sie doch auch ihre eigene Position als österreichische Autorin mit koreanischer Herkunft gekonnt in die Erzählkonstruktion hinein, indem sie eine Stellvertreterfigur schafft, Hanna, die in Korea geboren, aber als Vierjährige von einem deutschen Ehepaar adoptiert wurde. In der Kunstgeschichte nennt man Figuren, die den Blick des Betrachters lenken sollen, Rückenfiguren – eine solche Rückenfigur ist diese Hanna: Wir erfahren nicht allzu viel über sie, wir kennen gleichsam nur ihre Rückenansicht, aber ihr Blick von außen auf das fremde Land ist der des Lesers wie der Autorin.

Anna Kim, die schon 2012 mit ihrem Roman Anatomie einer Nacht über eine Selbstmordserie in Grönland bewiesen hat, dass sie sich fremde Stoffe anzueignen versteht, hat für ihren neuen Roman intensiv recherchiert. Korea kannte sie nur von einer Reise als Elfjährige. Sie wurde zwar 1977 dort geboren, doch schon 1979 zogen ihre Eltern mit ihr nach Österreich. Ihre Mutter wollte ihre Dissertation über eine Frage der Philosophie der Ästhetik schreiben und hatte dafür in Wien einen idealen Doktorvater gefunden, während Anna Kims Vater "Westliche Malerei" studiert hatte (so nannte man das im Fernen Osten); sein Lieblingsmaler war Paul Klee, da war es auch nicht schlecht, den Westen selbst einmal kennenzulernen.