Es heißt, manche Orte ließen einen spüren, dass sich an ihnen Historisches ereignet habe. Doch das Einzige, was man hier in dieser Kammer auf dem Campus Irchel der Uni Zürich wahrnimmt, ist – eine feine Note von Affenurin. Ein Dutzend Quadratmeter groß ist der Raum, weiß getüncht. Darin zwei Käfige, selbst gebaute Drahtgestelle, die mit Kabelbindern zusammengehalten sind, dazu eine Kiste voller Wärmelampen und verpackter Schläuche, durch die Tiere von der Größe eines Eichhörnchens krabbeln können. Tiere wie Weißbüschelaffen.

70 der kleinen Primaten leben im Affenhaus der Uni Zürich. Sie sind der Forschungsgegenstand von Judith Burkart und ihrer Gruppe. Die 41-jährige Anthropologin trägt eine Outdoorjacke und kinnlange Haare, bei der Begrüßung stellt sie sich mit ihrem Vornamen vor. "Wir ziehen bald um in ein neues Affenhaus, aber ich zeig dir erst mal die alten Räume", sagt sie und geht voran durch den Nieselregen, der sich an diesem Märztag wie ein hellgrauer Filter vor die Gebäude und das Panorama legt.

In ihrer kleinen Affenkammer legte Burkart den Grundstein für eine These, die so bahnbrechend für unser Verständnis von der Menschwerdung werden könnte, dass die Improvisiertheit im Inneren fast respektlos erscheint.

Die Frage lautet: Wie konnte ein Wesen wie der Mensch entstehen? Intelligent, hyperkooperativ, erfolgreich, ein großer Wurf der Evolution.

Judith Burkart ist in Rorschach am Bodensee aufgewachsen und hat Entwicklungspsychologie an der Universität Freiburg studiert, das Fach, das sich mit den Veränderungen eines Menschen über seine Lebensspanne hinweg beschäftigt. Heute geht es ihr um die Entwicklung der gesamten menschlichen Spezies.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Abstammungslinie von Mensch und Menschenaffen trennte sich vor rund 6 Millionen Jahren. Ein Wimpernschlag, gemessen am Alter des Lebens auf der Erde – und eine Ewigkeit, gemessen an der Eruption körperlicher, geistiger und kultureller Entwicklung, die nur eine Linie der Hominiden durchmachte: unsere. Obwohl die Vorfahren von Mensch und Menschenaffen mit denselben Startbedingungen ins Rennen gingen, baute schließlich nur eine Spezies Pyramiden, schaut heute ins Innere von Atomen und komponiert Kantaten, während die anderen weiter auf Bäume klettern.

Was der Wissenschaftlerin noch fehlt, ist eine Professur

"Mich interessiert: Wie ist der Menschen entstanden und warum?", sagt Judith Burkart. Spricht man mit ihr über ihr Fachgebiet, spürt man, dass sie sich von der Größe dieser Frage nicht einschüchtern lässt – und man bemerkt: eine ungestillte Faszination für ihr Fach und ihre Forschung.

Aber da ist diese eine Sache: Über 40 ist Burkart jetzt. Sie hat habilitiert, publiziert regelmäßig in internationalen Fachzeitschriften, wird immer häufiger als Hauptrednerin auf Kongresse eingeladen. Was ihr fehlt, ist eine Professur.