Die Zahl fiel spät auf, offenbar zu spät, um beachtet zu werden. Am 28. September vergangenen Jahres, in einer langen Sitzung des Bundestages, fragte die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke den Staatssekretär beim Bundesinnenministerium, Günter Krings, nach der Zahl der Flüchtlinge, die mit gefälschten Papieren nach Deutschland einreisten. Krings entgegnete, zu dieser Frage gebe es keine statistische Erhebung. Und ohnehin: Laut Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) "legen nur circa 40 Prozent der Asylsuchenden bei Asylantragstellung ein Identifikationsdokument vor".

Nur 40 Prozent? Das bedeutet im Umkehrschluss: Etwa 60 Prozent aller Flüchtlinge kommen ohne Papiere nach Deutschland.

Wie erklärt sich diese erstaunliche Zahl? Wer Schutz vor Verfolgung oder Krieg sucht, sollte ein Interesse daran haben, seine Herkunft nachweisen zu können. Wenn aber mehr als die Hälfte aller Asylbewerber keine Papiere mit sich trägt, drängt sich der Verdacht auf, dass sie nicht aus Staaten kommen, in denen diese Fluchtgründe bestehen. Es sei denn, es gäbe eine andere Erklärung für den hohen Prozentsatz der Dokumentenlosen.

Erste Nachfrage beim Bamf: Wie viele jener 60 Prozent Asylsuchender, die ohne Papiere kommen, zeigen sich bei der Identitätsfeststellung kooperativ? Die Frage kann das Bundesamt nicht beantworten. Denn, so ein Sprecher: "Wie viele Asylsuchende keine Dokumente vorlegen können, wird vom Bundesamt statistisch nicht erfasst." Die 60 Prozent, die der Staatssekretär im Bundestag genannt habe, seien lediglich eine Schätzung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Man staunt ein zweites Mal. Jeder Bau einer Gartenhütte wird in Deutschland statistisch erfasst, nicht aber der für die Asylgesuche wichtige Aspekt, wie viele Flüchtlinge zweifelsfrei ihre Herkunft nachweisen können?

Zweite Nachfrage, diesmal bei der übergeordneten Behörde, dem Bundesinnenministerium: Warum wird die Zahl derer, die keine Papiere vorlegen, nicht erhoben, angesichts der Tatsache, dass dies ein Indiz für einen Missbrauch des Asylrechts darstellen kann? Der Sprecher des Innenministeriums entgegnet, eine statistische Erfassung "im Sinne der Fragestellung" sei "nicht zielführend". Schließlich könne der Umstand, dass Flüchtlinge keinen Ausweis bei sich trügen, "nicht pauschal als ein Indiz für Täuschungsabsicht oder Missbrauch des Asylverfahrens interpretiert werden, es kommt immer auf die Umstände des konkreten Einzelfalles an".

Das ist zweifelsohne richtig. Aber kann man überhaupt von Einzelfällen sprechen, wenn derart viele Asylsuchende ohne jedes Dokument, ohne Pass, Ausweis, Führerschein, Geburtsurkunde oder Studentenausweis, kommen? Müsste man dieses Phänomen nicht wenigstens hinterfragen? Wir wenden uns an Kenner der deutschen Asylpraxis. Und die zeigen sich ebenfalls überrascht – allerdings nicht über die 60 Prozent Asylsuchenden ohne Pass, sondern darüber, dass deren Anteil nicht noch höher liegt.

"Ich arbeite seit dreißig Jahren im Flüchtlingsbereich", sagt Bernd Mesovic, der Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl, "und ich hätte gedacht, dass es 80 bis 90 Prozent sind." Dass Flüchtlinge ohne Papiere kämen, habe mehrere Gründe: Eine Menge Staaten stellten Oppositionellen keine Reisedokumente aus. Für Männer aus Eritrea, die vor dem dortigen Militärdienst fliehen, könne es sogar gefährlich sein, Papiere mit sich zu führen. Außerdem müssten Papiere oft während der Flucht gewechselt werden, weil Schleuser dies verlangten. "Es heißt dann: Ich gebe euch gefälschte Pässe, um über die Grenze zu kommen. Diese Pässe wollen sie danach zurückhaben." Warum Schleuser allerdings Flüchtenden, die Asylgründe geltend machen könnten, gefälschte Papiere aufzwingen sollten, warum so viele Flüchtlinge ihre echten Papiere vernichten sollten und welche Staaten konkret keine Papiere ausstellen, kann Mesovic nicht darlegen.

Das Auswärtige Amt führt zwar eine Liste von Staaten, die kein verlässliches Urkundenwesen haben, darunter finden sich auch einige der Hauptherkunftsländer von Flüchtlingen wie Afghanistan, der Irak, Eritrea, Somalia oder Nigeria. Doch die Länderliste besagt nicht notwendigerweise, dass all diese Staaten überhaupt keine Personalpapiere ausstellen. Dem Bundesinnenministerium, heißt es auf Anfrage, seien keine Länder bekannt, "die gar keine Pässe oder vergleichbare Identifikationsdokumente ausgeben". Doch was heißt schon "Urkundenwesen" in Staaten, die oft keine echten Staaten (mehr) sind? Die Vorstellung, in jedem größeren Ort eine Passbehörde zu finden, ist eine recht mitteleuropäische. In Afghanistan oder in zentralafrikanischen Ländern gibt es keine Kreisämter. Welcher Fluchtwillige aus solchen Gegenden sollte die Mühe und die finanzielle Last auf sich nehmen, in der Landeshauptstadt Papiere zu beantragen, noch dazu bei vermutlich oft korrupten Beamten?