In seltenen Fällen wird aus einem Un-Nutzfahrzeug wie einem dieser spritverschlingenden SUV-Allradmonster mit Berggang und sperrbarem Differenzial ein echtes Nutzfahrzeug. In der Nähe von Uchte, etwa 30 Kilometer vom niedersächsischen Nienburg entfernt, röhren wir zu dritt in so einer Karre über die Landstraße. Wir biegen in einen holprigen Feldweg ab, an eingezäunten Wiesen geht es lang, doch schon bald ist es aus mit der Landwirtschaft. Links und rechts stehen nur noch schmächtige Birken und Heidelbeerbüsche. Flache Seen tauchen auf. Dann geht ein schmaler Damm ab, mit gewaltigen, glitschigen Schlaglöchern.

Ein normales Auto bliebe stecken. Denn das hier ist Moor. Bis in die jüngste Zeit haben Moorbauern und ein Torfwerk beiderseits des Dammes Torf abgebaut. Wir schaukeln weiter, die ersten Gedanken an Irrlichter und versunkene Kutschen kommen auf. Dann – im Nichts zwischen Pfützen, morschen Kiefern und Gestrüpp – bleiben wir stehen. Doch bevor wir aussteigen, muss ich versprechen, niemandem zu verraten, wo wir jetzt hingehen. Es soll ein Geheimnis bleiben. Vor Trophäenjägern haben meine Begleiter Angst. Und vor den Behörden. Wüssten diese Bescheid, müssten die Ämter reagieren.

"Mal sehen, wann Sie ihn entdecken", sagt einer der beiden und stapft voran über den schwingenden Moorboden. "Da!", ruft er plötzlich und deutet ins Nichts. Tatsache: Tief zwischen braunem Farn vom Vorjahr duckt sich ein dunkelrotes, glasloses und verbeultes Autowrack. Es scheint sich an eine Birke zu lehnen. "Opel Rekord P1", sagt Haufe, "Baujahr 1957. Eine Moorleiche aus Blech!"

Über vergessene Schrottautos im Moor haben sich Ulrich Haufe und Clemens Kröner während eines Treffens von Naturfotografen kennengelernt. Kröner, der zunächst am fleischfressenden Sonnentau interessiert war, erzählte Haufe auch von diesen seltsamen Wrackfunden nahe seiner Heimatstadt Uchte. Und der war fasziniert. Sie begannen, gemeinsam zu suchen. Und sie fanden nicht nur den ollen Opel. Verrostete Oldtimer liegen hier und in anderen Mooren in der Nähe überall herum. Im Sommer sind sie kaum zu entdecken, so eingewachsen von Gebüsch sind sie. Auf ihren winterlichen Streifzügen aber machten die beiden immer wieder Entdeckungen. Auf einer Fläche von etwa 200 Quadratkilometern kamen bis heute insgesamt 35 Oldtimer der fünfziger und sechziger Jahre zusammen. Die Hälfte davon waren Opel, aber auch ein Ford Taunus war dabei, mehrere VW Käfer und NSU Prinz. Von einem Fiat Neckar waren im Wesentlichen Edelstahl-Zierleisten übrig. Das älteste Modell war ein Opel-Olympia-Lieferwagen im menschlichen Rentenalter.

Mal ragten bloß zwei Scheibenwischer in den Himmel. Mal lag ein Kilometerzähler (Stand: 65.204, immerhin!) neben einem Auto im Moor. Am besten erhalten, sagt Kröner, sind in der Regel die kunststoffummantelten Kabel. Auch der strahlende Aufkleber der Versicherungsgesellschaft ARAG prangte unverzagt an einem Opel-Heck. Die Finder selbst aber erlebten jedes Mal ein schwer beschreibbares Mischgefühl aus Entdeckerstolz, Nostalgie und Verwunderung: Wie kommt es, dass mitten in der scheinbar seit Langem unberührten Natur diese alten Autos herumliegen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Zunächst dokumentierten sie fleißig. Haufe und Kröner machten zahllose Aufnahmen zu jeder Jahreszeit und drehten Filme. Ihre großformatigen (und großartigen) Bilder kann man jetzt in einer Ausstellung betrachten. Titel: Moorleichen aus Blech.

Richtige Moorleichen, also im Torf konservierte Kadaver, sind gar nicht selten. Es gibt einige Prominente unter ihnen wie den dänischen Tollund-Mann oder den britischen Lindow-Mann. Manche sind auch Tiere. Den Torfhund von Burlage grub man 1953 in der Nähe von Leer in Ostfriesland aus. Und im Moor von Uchte fand man im Jahr 2000 Moora: ein Mädchen, das seit bald 3000 Jahren im Moor lag, ganz in der Nähe der Fundorte dieser Autowracks.