Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Wir Männer stehen vor einem ziemlichen Scherbenhaufen. Nicht nur haben wir nach Jahrtausenden des Patriarchats den Planeten und das Leben vieler Frauen versaut, nein, wir haben uns auch selbst ins Fleisch geschnitten. Hohe Selbstmordraten, Herzinfarkte und Proteinshake-Abhängigkeit haben erschreckende Ausmaße angenommen. Männer sind selbst Opfer des Patriarchats, Opfer einer toxischen Männlichkeit, so lautet die These des Briten Jack Urwin. Ausnahmsweise sollen nicht Mama oder die Putzfrau die ganze Misere zusammenkehren. Jack Urwin hält mit seinem Buch Boys don’t cry ein flammendes Plädoyer für eine entgiftete Männlichkeit. Und liefert zugleich ein Lamento. Urwin rattert erschreckende Statistiken runter: Männer gehen nur halb so oft zum Arzt wie Frauen, sterben eineinhalb mal so oft, bevor sie das 50. Lebensjahr erreichen, und haben eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, sich das Leben zu nehmen.

Urwin analysiert klug und voller Witz die Ursachen dieser vergifteten Männlichkeit, wobei er alle Erkenntnisse der Genderwissenschaften verarbeitet: Körperideale, Jungfräulichkeit, Angst, schwul zu wirken, das Verbot zu weinen, verdrängte Gefühle. Hübsch scheidet er Geschlecht von Gender und weist darauf hin, dass er sich fast nur mit Cis-Männern befasst, die auf Frauen stehen (als hätten schwule Männer nicht dieselben Probleme mit toxischer Männlichkeit). Er beginnt mit der Steinzeit. Er arbeitet heraus, dass Geschlechterrollen ein soziales Konstrukt sind, von Erziehung und Kultur vorgegeben, nicht von der Natur. Dies ist Popsoziologie aus der Laurie-Penny-Schule für Genderdebatten. Neu ist die Analyse, Männlichkeit sei nach den Kriegen und den folgenden generationenübergreifenden psychischen Beschädigungen eine posttraumatische Belastungsstörung. Gegen PTSD wie auch gegen die negativen Seiten der Männlichkeit hilft laut Urwin vor allem: reden.

Urwin hat es vorgemacht: Boys don’t cry entstand aus einem Essay, den der damals 22-jährige Urwin 2014 auf Vice veröffentlichte und in dem er die toxische Männlichkeit für den frühen Herztod seines Vaters verantwortlicht machte. Die angestrengte Jugendlichkeit von Vice drückt leider auch in Urwins Sprache durch, etwa durch ständige ironische Einschübe ("Mama, bitte nicht weiterlesen!") oder indem Urwin die ganze Zeit die Leser als "kleine Scheißer" bezeichnet. Viele werden das lustig finden, vielleicht hilft es ja notorisch verklemmten Männern, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das ist alles schön und gut und unterhaltsam geschrieben und nicht blöd. Schenken Sie es dem Teenager Ihres Vertrauens, vielleicht erretten Sie ihn vor einem zukünftigen Herzinfarkt oder davor, mit seiner Unfähigkeit, über Gefühle zu reden, eine Beziehung zu verkorksen. Nur stellt sich bei der Diskussion um vergiftete Männlichkeit die Frage: Sind wir nicht schon weiter? Muss man Männlichkeit überhaupt neu definieren? Kann die nicht ganz weg (zusammen mit Weiblichkeit und dem binären Geschlechterballast)?

So wie man Laurie Penny zum Einstieg in den modernen Feminismus empfehlen kann, um dann auf die Kulturkritikerin Nina Power aufmerksam zu machen, so mag Jack Urwins Boys don’t cry ein netter Einstieg in das Problem der Männlichkeit sein. Seine Lösungsvorschläge bleiben zahm. Valerie Solanas, die durch ihren Anschlag auf Andy Warhol berühmt wurde (der übrigens auch schwul und trotzdem ein vor male privilege triefender Egomane war), forderte in ihrem Manifest einen ganzheitlichen Ansatz: "Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und sensationsgierigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten." Voilà.

Jack Urwin: Boys don’t cry
Identität, Gefühl und Männlichkeit; a. d. Engl. v. E. Willems; Edition Nautilus, Hamburg 2017; 232 S., 16,90 €, als E-Book 14,99 €