Die Premierministerin liebt extravagante Schuhe. Mal trägt sie flache schwarze mit goldenen Schnallen. Dann wieder Leopardenpumps. Groß ist sie und elegant. Mit grauer Föhnwelle und dicken Perlen. Ihre Stimme ist so voll und tief, dass jeder Satz bedeutend klingt. Ihr Auftritt sagt: Hier kommt die strenge Schuldirektorin. Die Schuhe aber flüstern: Achtung vor der wilden Seite!

Ende des Monats wird Theresa May der Europäischen Kommission einen Brief schicken, um Artikel 50 des Vertrags von Lissabon zu aktivieren. Nichts und niemand kann den Brexit dann stoppen. Und allmählich zeichnet sich ab, wie monströs das Vorhaben ist: In London gibt es ein neues Brexit-Ministerium, einen Brexit-Ausschuss im Parlament und einen Brexit-Gerichtsstreit. Unzählige Gesetze, von Einwanderungsfragen über Lebensmittelimporte bis hin zu Fluglanderechten, sind vom Brexit betroffen. Hunderte Beamte mit Kenntnissen über EU-Recht oder Freihandelsverträge mussten neu eingestellt werden. Auf europäischer Ebene sind die Briten kaum noch in der Lage, außenpolitische Positionen zu formulieren, weil der Brexit alle Zeit und Kraft verschlingt. Und bevor die etwa zwei Jahre dauernden Verhandlungen überhaupt begonnen haben, kommen schon Drohungen aus Schottland und Forderungen aus Brüssel.

Die Briten, die doch die EU abgewählt hatten, werden von europäischen Themen mehr beherrscht denn je.

Und Theresa May muss ihr über den Brexit zerstrittenes Land nun irgendwie versöhnen. Die Union mit Schotten und Iren retten. Die Trennung von den Europäern ohne allzu große Unfälle vollziehen. Ihr, die den Austritt nie wollte, hat die Geschichte nun eine der schwierigsten Aufgaben zugedacht. Die schwierigste seit Auflösung des Empires. Wer ist diese Theresa May? Eine furchtlose Visionärin, wie Winston Churchill einer war? Eine patriotische Radikale wie Margaret Thatcher? Eine pragmatische Krisenmanagerin wie Angela Merkel?

Wo man sie nur "Theresa" nennt

Die Reise in die Welt der Theresa May führt weg aus der Großstadt und hinaus aufs Land. Der klappernde Zug fährt von London 40 Minuten gen Westen, durchquert das Hinterland des Flughafens Heathrow und rattert vorbei an grünen Parks, hinter denen sich die herrschaftlichen Gemäuer von Eton College und Windsor Castle erstrecken. Ausstieg in Maidenhead, wo die Bootsfahrer auf den Ausläufern der Themse langsam ihre Bahnen ziehen. Wo sie die Premierministerin nur "Theresa" nennen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Sie ist nicht weit von hier zur Schule gegangen, in Wheatley. Ihr Vater war anglikanischer Pfarrer, von ihm hat sie ihrer Biografin Rosa Prince zufolge das Pflichtgefühl und den Gemeinschaftssinn geerbt. Schon als Teenager, berichtet eine ehemalige Schulkameradin, habe die strebsame Theresa dem Lehrer erzählt, dass sie Premierministerin werden wolle. Wie sie da alle gekichert haben! In Oxford, wo May später Geografie studierte, lernte sie Philip kennen, ihren zukünftigen Mann. Weitere Romanzen konnte die Biografin trotz ausgiebiger Recherche nicht finden.

In Maidenhead ist May trotz oder vielleicht gerade wegen ihres etwas langweilig wirkenden Lebens beliebt. Seit 20 Jahren vertritt sie den Wahlkreis als Abgeordnete, und in dieser Zeit scheint sie kein Dorffest, keine Bibliothekseröffnung und keine Veranstaltung des örtlichen Krankenhauses ausgelassen zu haben. Samstags, erzählt der konservative Lokalpolitiker Geoffrey Hill, komme sie, so oft es gehe, um durch das Städtchen zu ziehen und an die Türen seiner Bewohner zu klopfen. Sonntags sieht man sie mit Philip in der Kirche. Man kennt sie auch in den eckkneipenmäßigen Vereinsräumen des Conservative Club, in denen ein Gärtner, ein Fensterputzer und ein Rentner ihre Biere trinken: "Theresa war gestern mit ihren Bodyguards zum Mittagessen hier und hat Scampi und Pommes gegessen", erzählen sie.