Das Verblüffendste nach dem Auftauchen von Martin Schulz war seine Rolle als Fremdling. Schulz ist der Mann, der die Undurchschaubarkeit und die Machtmonotonie der Bundespolitik noch immer nicht verkörpert. Bis heute nicht. Das machte ihn zum Ritter, der von außen anklopfte, staunend, aber entschlossen, er war der ohne Stallgeruch, der Frische und Unverbrauchte, der Geflüchtete Brüssels, ausgerechnet er, Schulz – ein eurokratischer Prälat und Fraktions-Karrierist, der Erz-Apparatschik der EU.

Der Mann trägt einen rührseligen Bart, doch wird ihm inzwischen Charisma attestiert. Seine Reden klangen auch früher schon zerfahren, heute gelten sie als mitreißend. Dass er nie als Minister oder Ministerpräsident Verantwortung übernahm und auf kaum einem Politikfeld solide Erfahrungen besitzt, qualifiziert ihn geradezu fürs Kanzleramt. Er muss dort auch nicht am Tor rütteln. Drinnen steht eine gerüstete Amtsinhaberin, die beste Chancen hat, sich zu behaupten, trotzdem scheint sie zu wispern: "Ich will hier raus!" Auch Angela Merkel sendet zu Beginn des Wahlkampfes verstörende Signale in die Welt. Das Gesicht der Pflichtfrau verrät Unlust an der Macht, Ermüdung, Überdruss. Da ist jemand wirklich nicht mehr neugierig auf Trump oder Le Pen, sondern möchte nach Hause aufs Sofa, um ein halbes Jahr lang nichts zu tun als Bücher lesen. So tritt der Unmögliche gegen die Widerwillige an.

Wie es aussieht, wird es spannend. Man kann jetzt in einen wohligen Wahlkampfgroove hinübergleiten, mit Links gegen Rechts und den Volksparteien in alter Form. Daneben allerdings gibt es in der Gesellschaft echte Differenzen, es gibt auch so manches, was Unbehagen auslöst. Bloß spielt es sich genau nicht zwischen "Schulz" und "Merkel" ab. Zum Beispiel: Kann sich dieses Deutschland den Unterschied zwischen einem Dasein in Europa und einem ohne die EU wirklich vorstellen, mit allen wirtschaftlichen Folgen? Kann es den Unterschied ausbuchstabieren zwischen einem Leben als Begünstigter der internationalen Umstände und dem Zwang, sich irgendwann auf den Weg einer neuen, robusten Nationalstaatspolitik zu begeben? Darf gelogen und verschwiegen werden, damit solche Alternativen gar nicht erst in die Hirne dringen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Weil solche Szenarios nicht in den gewohnten Mustern zu bearbeiten sind, werden sie für den Wahlkampf ersetzt, verpinselt und überschrieben mit einer anderen Differenz, die vertraut klingt, zu der man sich als Politiker auch in konstruktiver Weise verhalten kann und die unendlichen Kommunikationsspaß macht, weil sie so ernsthaft nun auch nicht mehr ist. Noch einmal also Links gegen Rechts – natürlich nicht in der verbiesterten Weimarer Variante, sondern gewissermaßen als Softcore-BRD, mit Sozialdemokraten, die Sankt Martin versöhnt hat und die nun wieder verteilende Volkspartei sind – und mit Christdemokraten, die sich in Soziale Marktwirtschaftler zurückverwandeln, zögerlich, weil das etwas mit Marktwirtschaft zu tun hat und weil sie sich mittlerweile selbst fragen, warum Reformen am Ende immer von der SPD gemacht werden, sodass man sie dafür in Schutz nehmen muss, sobald die historische Sedimentbildung eingesetzt hat. Na, das wird ein Fight!

Alle haben gelernt, dass der Wahlkampf kein Augenblick der Wahrheit ist, aber die Unwahrheit tritt nicht länger in Gestalt haltloser Versprechen auf, sondern gewissermaßen als gemeinschaftliche Weltverdrängung. Deutschland sieht wieder einfach aus. "Gerechtigkeit" ist der Ausdruck für einen betriebssicheren Entlastungsmechanismus. Fällt das Wort, reduziert sich die Komplexität des Regierens und des Kommunizierens schlagartig. Es gibt dann nur noch den Innenraum des Bundesrepublikanischen, die per Sozialstaatsroutine organisierbare Zone. Der Konservative murmelt: "Nun ja, ein wenig haben es die Manager schon übertrieben", der Linke zischt: "Endlich geht es der Agenda an den Kragen." Der Dissens mündet aber immer wieder nur in Maß und Mitte eines alten Gekabbels. Strittig sind die Mittel, hier eher Verteilung, dort mehr Entlastung, alles in der kleinen Welt, wo Politik noch etwas zuwege brachte, wo die Alternativen überschaubar zur Wahl standen und die kleinen Parteien noch klein waren.

Anfang 2017 biegen die Deutschen aufatmend in die Wiederholungsschleife ein. Die Wiederkehr des Gleichen ereignet sich als Erinnerung an ein Land, das von keinen wirklichen Gebrechen gequält wird. Es ist ein Ideal-, ein Modellland, das einmal gefaltete Simpeldeutschland, mit einer Bevölkerung, deren Hauptanliegen in gemäßigter materieller Egalität besteht, und einer Politik, die dieses Bedürfnis sozialpolitisch auch prompt erfüllen kann. Dieses Land existierte nicht einmal vor den Agenda-Reformen. Schwer zu sagen, ob man sich freuen soll oder deprimiert sein muss, wenn die präfaktische Version der Bundesrepublik geglaubt wird. Bizarr ist, dass ausgerechnet das Wort "Gerechtigkeit" den Selbstverkleinerungsreflex auslöst.