Sein Wohnzimmer könnte auch der Ausstellungsraum eines englischen Antiquitätengeschäfts sein. Mahagoni überall, auf dem Tisch schwere Silber-Aufsätze mit Kristall. Bouquets stehen in großen Vasen, dicht gehängte Stiche tapezieren die Wände. Alles blitzt und glänzt, als hätte das Dienstmädchen mit Häubchen und Staubwedel soeben das Zimmer verlassen.

Der Hausherr passt bestens in sein Interieur. Blütenweiß die Manschetten am rosa Hemd; very British seine sorgfältige Sprechweise. Und bald schon rutscht er so schräg und lang in seinen Sessel, als säße er vor dem Kamin in einem Londoner Gentlemen-Club.

Eine Million YouTube-Nutzer kennen Charles Eugster weniger adrett und kontrolliert. Im Video trägt er Startnummer 471. Seine Brille ist verrutscht, das Haar wirr; ein abwesendes Lächeln geistert um seinen Mund. Noch versucht er angestrengt, die Zahlen auf der Anzeigetafel zu entziffern, da schieben sich schon die ersten Gratulanten ins Bild. Der britisch-schweizerische Doppelbürger hatte mit 55,48 Sekunden den Weltrekord seiner Altersklasse im 200-Meter-Lauf gebrochen.

Damals war er 95. Jetzt ist er 97. Mit sicherer Hand füllt er die zarten Tassen mit Grüntee nach; sein Gesicht glänzt morgenfrisch. Zum Frühstück gab’s zwei Bananen, eine Grapefruit, eine Kiwi, Porridge, Omega-3-Pillen, Vitamin-D-Tabletten und einen Proteindrink. Zum Mittag wird er sich eine Makrele zubereiten, abends zwei Sorten Gemüse und ein Stück Fleisch.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Ich war ja reiner Amateur", möchte er festgehalten wissen. Erst im Londoner Stadion entdeckte er, dass die Konkurrenten Schuhe mit Spikes trugen. Und die Kurven der Bahn viel steiler waren, als sie von der Zuschauertribüne aus wirkten. Sein einziges Wettkampf-Training hatte sich auf ein paar Sprints in einer ebenen Waldlichtung beschränkt. Danach fühlte er sich fit genug, um gleich ganz oben, bei den britischen Meisterschaften, einzusteigen.

Mit 87 machte er Bodybuilding. Sein Ziel: Eine Strandfigur

Beim Startschuss war er ganz Löwe, auf den ersten Metern Gazelle. "Dann wurden meine Knie weich wie Butterröllchen." Jeder Herzschlag schien der letzte. Nach 30 Metern wollten seine Beine einfach wegknicken. Nur die Rufe aus dem Publikum hinderten ihn am Aufgeben: "Go, Charly, go!", und: "Run, Eugster, run!" Beim Überstolpern der Ziellinie hoffte er nur eines: sich nicht vor aller Augen übergeben zu müssen.

Eigentlich ist er ja Ruderer. Als Student trainierte er auf der Themse, als Rentner auf dem Zürichsee. Seine Beliebtheit bei den Ruderkollegen wuchs von Jahr zu Jahr: "Mit 80 wurde ich unwiderstehlich." Sein Jahrgang ermöglichte der Mannschaft, jüngere Athleten zu rekrutieren, ohne bei Wettkämpfen in eine andere Altersklasse zu fallen.

Doch Charles Eugster befriedigten weder seine Rolle noch seine Leistung. Obwohl er an sechs von sieben Tagen auf dem See trainierte, wurden seine Schläge immer schwächer, und die Ruderblätter tauchten zunehmend unscharf ins Wasser. Der frühe Tod seiner beiden besten Ruderkollegen verstärkte seine Zweifel: War der Ausdauersport Rudern wirklich das Richtige für einen Mann seines Alters?

Ein langer, unbarmherziger Blick in den Spiegel bestätigte seinen Verdacht. Rudern hatte nicht verhindert, dass er, wie in seinem Alter üblich, 40 Prozent der Muskelmasse verloren und durch Fett ersetzt hatte. Zudem schmerzte der Rücken. Und Charly vermisste nicht nur seine Kraft: "Ich sah nicht mehr so aus, dass einer überwältigend sexy wirkenden Siebzigjährigen der Kiefer runterfiel."