DIE ZEIT: Herr Kraus, derzeit läuft Ihr Film Die Blumen von gestern in den Kinos. Darin porträtieren Sie einen Holocaust-Forscher, der sich mit den Verbrechen seines Großvaters auseinandersetzt, die er in Lettland als Nazi beging. Der Protagonist Ihres neuen Romans ist ein Deutschbalte, der zum SS-Offizier wird. Er könnte der Großvater dieses Historikers sein. Muss man den Roman als Vorläufer zum Film verstehen – also als eine Art Prequel?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Chris Kraus: In gewissem Sinne schon. Sowohl der Film als auch das Buch sind eine Auseinandersetzung mit der Geschichte meines Großvaters, der aus Riga stammte und in Lettland als SS-Mann aktiv war. Ich habe mich zehn Jahre lang mit seiner Biografie beschäftigt und eine Familienchronik erstellt. Es gibt also einen biografischen Urschlamm, aus dem sowohl der Film als auch der Roman hervorgekrochen sind.

ZEIT: Das Buch ist in einer sehr schnellen, plastischen, ja geradezu filmischen Sprache geschrieben, die dennoch über einen eigensinnigen Sound verfügt. Nur ein Beispiel: Anstatt lang und breit die Eleganz einer Figur zu beschreiben, formulieren Sie knapp: "Seine Lederschuhe blitzten weiß, sein Teint hatte Sylt im Sinn." Wie kommt man auf so einen Satz?

Kraus: (lacht) Das Verrückte ist ja, dass ich mir so einen Satz erst heute erlauben darf. Im Deutschunterricht war ich immer derjenige, der Ärger bekam. Mein Deutschlehrer hatte so ein Stilblütenbuch. Als wir unsere Arbeiten zurückbekamen, hat er gern die blödesten Sätze vorgelesen. Da war ich Spitzenreiter.

ZEIT: Sie sind eigentlich Filmemacher. Das kalte Blut ist Ihr zweiter Roman. Er umfasst nahezu 1200 Seiten. Wie lange haben Sie fürs Schreiben gebraucht?

Kraus: Insgesamt neun Monate. Es klingt ziemlich kokett, wenn ich jetzt sage, dass das so schnell ging. Aber man darf nicht vergessen, wie lange die Recherche dauerte. Wenn man so voll ist mit einem Stoff, dann schreibt sich solch ein Text wie von selbst.

ZEIT: Die Geschichte beginnt in den zehner Jahren des vergangenen Jahrhunderts und erstreckt sich bis in die siebziger Jahre hinein. Die wichtigsten Figuren sind die beiden Brüder Hub und Koja, zwei Deutschbalten aus Riga. Beide Nazis, beide brutale Geheimdienstagenten im NS-Staat und später in der Bundesrepublik beim BND, beide Verbrecher, aber aus unterschiedlichen Gründen. Während der ältere Bruder Hub das banale Böse verkörpert – ein flammender Faschist und rachsüchtiger entrechteter Aristokrat –, ist Koja, die Hauptfigur und der Ich-Erzähler, wesentlich komplexer und vielschichtiger. Er ist ein Künstler und Feingeist, der als Mehrfachagent für alle möglichen Geheimdienste arbeitet. Er spielt die eine Seite gegen die andere aus.

Kraus: Wir erfahren die Geschichte aus Kojas Sicht. Er schaut in der Ich-Perspektive auf sein Leben zurück. Das heißt aber nicht, dass alles auch wirklich so passiert sein muss. In der Erinnerung verbiegt jeder Mensch seine Geschichte. Deshalb ist das ganze Buch eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion.