DIE ZEIT: Mr. Gahan, Ihr Produzent Mark Ellis hat Sie mal als die "Attitüde von Depeche Mode" bezeichnet. Wie hat man sich diese Attitüde derzeit vorzustellen?

Dave Gahan: Ich bin der durchgeknallte Prediger der Band, den die Öffentlichkeit skeptisch beäugt. Und Depeche Mode sollte man sich vorstellen als vollgetankten Geländewagen, der bereitsteht für eine wilde Spritztour. Ich bringe Unruhe in diese Band, bin lauter als die anderen. Und sorge dafür, dass man uns zuhört.

ZEIT: Im Fall von Spirit, dem neuen Depeche-Mode-Album, lohnt es sich, genau zuzuhören. In Songs wie Scum oder Where is the Revolution? kommentieren Sie die Weltlage. Sind Depeche Mode etwa eine politische Band geworden?

Gahan: Nein. Das, was wir da sagen, hat nichts mit Politik zu tun – meiner Definition nach. Nennen Sie es doch: soziales Bewusstsein. Wir stellen nur Fragen, bieten keine Lösungen. Das ist nicht unsere Aufgabe. "Where is the revolution?" ist eine provokante Frage, aber kein politisches Programm. Wir geben keine Anleitungen, wie alles besser werden könnte. Aber auch wir bekommen mit, dass die Welt gerade aus den Fugen gerät.

ZEIT: Was erhoffen Sie sich davon, dass Sie diese Themen aufgreifen?

Gahan: Nichts!

ZEIT: Nichts?

Gahan: Nehmen Sie den Song Cover Me. Da geht es um einen, dem hier auf der Erde alles über den Kopf wächst und der auf einen fremden Planeten flieht. Nur um festzustellen, dass dort nichts besser ist. Songs wie Scum oder Where is the Revolution? beschreiben bloß unsere Trauer. Die Desillusionierung. Darüber, dass der Faschismus 2017 zur Höchstform aufzulaufen scheint.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

ZEIT: Fühlen Sie sich als Wahl-New-Yorker besonders betroffen von Trump?

Gahan: Nein, das wäre zu kurzsichtig. Trump war ein Schock, aber ich sehe auch, was in Frankreich los ist mit Frau Le Pen. Nicht auszudenken, wenn die gewinnt. Oder auch meine Heimat England, die mich mit dem Brexit schockiert hat.

ZEIT: Sie haben das nicht kommen sehen?

Gahan: Ich wusste, dass es eng werden würde, aber ich dachte nicht, dass die Unvernunft siegen würde. Sogar viele aus meiner eigenen Familie haben dafür gestimmt, dass wir die EU verlassen. Die Geschichte ist voll von Fehlentscheidungen. Damit kennen sich die Deutschen aus, oder? Aber wir müssen eben alle weiterkämpfen. Angst bringt nichts.