In einem melancholischen Essay, der auch hierzulande vertraut klingt, verkündet der amerikanische Kulturhistoriker Paul Berman das "Zeitalter der Konterrevolution", nachzulesen im Online-Magazin Tablet. Die "liberale Revolution" des letzten Halbjahrhunderts liege im Sterben. Begonnen hatte sie mit der Studentenrevolte. In den Achtzigern sprang der Funke auf Osteuropa über, in den Neunzigern auf den Rest der Welt – bis hin zum Arabischen Frühling in der Hochburg des Despotismus. Die "liberale Revolution" stand in der urwestlichen Tradition der Aufklärung mit ihrem Traum von Freiheit und Gleichberechtigung. Nieder mit den alten Hierarchien in Politik und Gesellschaft, hoch mit Anerkennung und Teilhabe für eine Gruppe nach der anderen: Schwarze, Frauen, Minderheiten aller Art. Karl Marx, der Theoretiker des Klassenkampfes, hätte diese neue Welt nicht verstanden.

Es wurde noch besser. Die Umwälzung im Inneren wurde flankiert vom Sieg der liberalen Ordnung im Äußeren. Ihr Kern ist die Freizügigkeit für Menschen, Waren und Investitionen. Die Krönung war die EU mit gemeinsamem Markt, friedlicher Konfliktregelung und Reisefreiheit von Portugal bis Polen. Die liberale Weltordnung sorgte für sagenhaftes Wachstum auch, und gerade, in der Dritten Welt.

Jetzt wütet der Rollback. Den Arabischen Frühling hat der Krieg aller gegen alle erstickt. Mauern und Zäune gehen hoch, selbst in der EU, wo der Neo-Nationalismus die Abschottung befiehlt. Der Gruppenegoismus rüttelt an der Selbstbestimmung des Individuums, welche die Aufklärung heiliggesprochen hatte. Die Bannerträger der Konterrevolution heißen Trump, Putin, Erdoğan, Assad, Le Pen, Kaczyński, Orbán. Die Islamisten morden im Namen des einen und einzigen Gottes. Der gemeinsame Nenner ist der Hass auf das Vermächtnis des Liberalismus. Seine Feinde profitieren von der Angst und Panik, die sie selber schüren. Das beste Beispiel ist die Türkei, wo die Islamisierung die Demokratisierung überwältigt.

Bizarr: Im Westen verehren Links- wie Rechtspopulisten den neuen russischen Zaren. Der Mann verspreche "keine bessere Welt", betont Berman. Wie der Islamismus verheißt der Putinismus nur Zucht und Unterwerfung. Die Flucht vor der Freiheit gerät zur neuen Normalität, ebenso die Flucht aus der Realität. Dass Wahrheit möglich sei, stand im Zentrum der Aufklärung. 300 Jahre später regiert abermals die Gegenaufklärung. Wahr ist das "Postfaktische", real das Gerücht, das sich viral über die sozialen Medien verbreitet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Ein Träumer, der wähnt, er hätte das Gegengift parat. Welcher kluge Kopf hätte im Sommer den Sieg des Donald Trump vorausgesagt?, fragt Berman. Oder die Versuchung des Autoritären, die Polen und Ungarn erfasst hat und das ultraliberale Holland bedrängt? Die klassischen Erklärungen greifen nicht, wenn weder Weltwirtschaftskrise noch nationale Erniedrigung nach einem verlorenen Krieg den Demagogen die Seelen öffnen.

Die Geschichte weiß nur zweierlei. Noch jede demokratische Revolution – 1789, 1848, 1918 – hat eine Gegenrevolution ausgelöst. Richtig ist aber auch, dass die Emanzipation trotz aller grausamen Rückschläge zumindest im Westen obsiegt hat. Das Patriarchat lässt sich hier so wenig zurückholen wie die Klassen- und Konfessionsherrschaft. In der Zwischenzeit gilt der Country-Klassiker von Kris Kristofferson: Help Me Make It Through the Night.