Sind Schulen und Hochschulen auf den digitalen Wandel ausreichend vorbereitet? Zwei Studien, die der ZEIT vorab vorlagen und beide an diesem Donnerstag erscheinen, geben darüber nun Auskunft – mit erstaunlichen Erkenntnissen über Strukturen, die nicht passen, und Personen, die nicht wollen.

Für ihren Monitor Digitale Bildung ließ die Bertelsmann Stiftung gut 3.500 Studenten, Wissenschaftler und Hochschulmanager befragen. Die gute Nachricht: Alle bewerten die technische Ausstattung der Hochschulen als ziemlich gut. Die schlechte Nachricht: Zwar setzen fast alle Hochschullehrer digitale Präsentationstools wie PowerPoint in ihren Vorlesungen ein oder laden Texte online hoch. Ganz neue Lernformate wie Lernspiele, Simulationen, Foren oder Moocs genannte Onlinekurse nutzt aber nur eine Minderheit. "Die Didaktik ist noch sehr traditionell", sagt Jörg Dräger, der Vorstand der Bertelsmann Stiftung und frühere Hamburger Wissenschaftssenator. Viele Hochschullehrer kritisierten den hohen Aufwand für die digitale Lehre und ärgerten sich, dass die Entwicklung digitaler Formate nicht auf ihre Lehrverpflichtung angerechnet werde. Dabei könnten neue Lernformen den Hochschulen dabei helfen, passgenaue Angebote für eine immer heterogenere Studentenschaft zu machen.

Die Studie zeigt, dass sich die Hochschulen in zwei große Gruppen spalten: 39 Prozent der Hochschulverwaltungen finden digitale Lehre wichtig und setzen neue Lernmedien systematisch ein. 33 Prozent jedoch sind "konsequent analog" und finden digitale Lehre weniger wichtig. "Der Job der Hochschulleitungen ist nicht damit erledigt, für eine gute Infrastruktur zu sorgen und die Digitalstrategie in die Rechenzentren abzuschieben", sagt Dräger. Vielmehr müsste jede Hochschule eine eigene Gesamtstrategie entwickeln.

Die Hoffnung vieler Hochschulchefs, dass ausgerechnet die Studenten die Unis digitaler machen, sei trügerisch. "Studierende sind nicht die Treiber des digitalen Wandels an den Hochschulen", so Dräger.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Besonders große Angst vor digitaler Bildung scheinen die Lehramtsstudenten zu haben – diejenigen also, die später einmal Kinder und Jugendliche auf die digitale Welt vorbereiten sollen. Von allen Studenten nutzen sie digitale Lernformate am seltensten und sind auch am geringsten motiviert, sie auszuprobieren. Das liege auch daran, meint Dräger, dass der "künftige Arbeitgeber, der Staat, nicht die Erwartung äußert, dass digitales Lernen dazugehört".

Was sich beim Nachwuchs zeigt, sieht man auch bei den heute schon aktiven Lehrkräften: Die Studie Wie lernen Lehrer? der Vodafone Stiftung offenbart deren "vorsichtige Haltung" gegenüber digitalen Medien: Nur 31 Prozent der Lehrer zwischen 36 und 50 Jahren schreiben sich selbst eine hohe Medienkompetenz zu – gut ein Fünftel weniger als 10.000 parallel befragte Mitarbeiter von Unternehmen der freien Wirtschaft. Bei den über 60-jährigen Lehrern fühlen sich nur 13 Prozent kompetent – halb so viele wie andere Arbeitnehmer.

Zum einen ist das eine Frage der Einstellung: Nur jede dritte Lehrkraft beschäftigt sich frühzeitig mit aktuellen Trends, nicht einmal jeder Zweite stellt sich gern neuen Herausforderungen. Zum anderen klagen Lehrer, dass ihre Schulen sie bei der Weiterbildung nicht richtig unterstützen: "Schule bremst wissbegierige Lehrer aus", heißt es in der Studie. "Ein bestürzender Befund", kommentiert die Schulberaterin Anke Kliewe diese Ergebnisse. Eine neue Lernkultur für Lehrerinnen und Lehrer werde dringend gebraucht.