Neulich, in einem Treppenhaus, in einem von der Gentrifizierung vergessenen Viertel am Rande der Frankfurter Innenstadt: Wir waren gerade dabei, die Treppe hinunterzusteigen, da ließ mich etwas innehalten. Ein Geruch, gemischt aus Waschmittel, Zigarettenasche, Gekochtem und Keller. Allgemein bekannt als Mief, jedenfalls war dem lange Zeit so. Die Duftnote Mief musste nie näher beschrieben werden. In Romanen und Reportagen genügte es völlig, den Begriff zu erwähnen, schon hatte jeder Leser ein – tja, was eigentlich: Bild in der Nase? Einen Duft vor dem inneren Auge?

Mal sehen. Beziehungsweise lauschen, denn der Mief in dem Frankfurter Treppenhaus hatte mir einiges zu erzählen. Da war nicht bloß der Geruch von Zigarettenasche. Ich sah den Mund des Mannes, in Hemd und ohne Hosen, wie er an dem Filter zog; ich sah die Wäsche, wie sie, als bunter Klumpen, noch feucht aus der Luke der Maschine in einen blauen Plastikkorb gelegt wurde, dessen Gitter einst gebrochen und danach mit einem Streifen Heftpflaster geflickt worden war; später am Tag war die Sonne dann doch noch herausgekommen, und jemand hatte den Wäscheständer auf die warmen Fliesen des Balkons gestellt, die ziegelbraun waren – eine Amsel setzte sich auf die Balkonbrüstung und legte den Kopf schief, sie wurde verscheucht. Zwei Stockwerke tiefer, im Keller die Skistiefel in einem Karton auf dem Regal voller geerbter Gegenstände, die sich niemand wegzuschmeißen getraut hatte. Über dem Ausguss, über einer Schüssel mit Wasser und Blut, hing ein abgezogener Hase, "aus der Decke geschlagen" seit Sonntag, seit der Treibjagd. Das Mostfass, aus dem es immer ein bisschen herausleckte, aber im Keller war es zu kalt für die Wespen. Auch diese Kellerkälte hat ihren Geruch. Und das Rot des Gummischlauches ist bis zum heutigen Tag deine Lieblingsfarbe geblieben ...

Festzuhalten bleibt hier, auf dem Treppenabsatz im Frankfurter Mietshaus: Es war eine rare Begegnung, denn der Mief ist heute so gut wie verschwunden. Was einem in Wohnungen, Hausfluren und selbst durch Schaufensterscheiben hindurch entgegenduftet, ist synthetisch, im besten Fall irgendwie asiatisch. Überall riecht es gleich. Gleich gut zwar, aber in der Summe ist das wie Fahrstuhlmusik und hat mit dem Lebensdunst der Menschen nichts mehr zu tun. In den Fußgängerzonen eröffnet eine Filiale von Rituals neben Lush neben L’Occitane, dann kommt gleich wieder Douglas. Selbst bei Ikea gibt es mittlerweile Duftkerzen. Darf ich feststellen: Alle duften, keiner riecht’s.

Mir stinkt’s.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Als Duft bezeichnen wir, was uns angenehm erscheint – und das ist Empfindungssache. Manche fragen sich, wie es eine Verkäuferin hinter der Käsetheke aushält. Ich habe mich als Kind schon gefragt, ob in der Parfümerie zu arbeiten nicht eine Strafe sein muss. Nichts gegen Wohlgerüche, aber was duftet, sollte doch auch eine Ursache haben, über die man sich freuen kann. Einen Blumenstrauß zum Beispiel. Einen warmen Kuchen, frisch aus dem Ofen. Einen gerade erst gemähten Rasen. Aber ein Raumduft, ein Lufterfrischer, auch der mittlerweile antiquiert wirkende Wunderbaum, wie er einst obligatorisch im Taxi am Rückspiegel baumelte: Sie verströmen einen Duft, der meine Nase in Beschlag nimmt, mir den Atem raubt, darüber hinaus aber keine Fragen stellt. Raumduft ist Small Talk. Aufgeführt wird ein Gespräch, das einem nichts sagt.

Der Wunderbaum ist übrigens eine deutsche Erfindung. In den fünfziger Jahren hat ihn ein deutscher Auswanderer, Julius Sämann, in Watertown bei New York ersonnen. Der Fahrer einer Molkerei hatte den Chemiker gebeten, etwas gegen den Geruch verschütteter Milch in seinem Lastwagen zu tun. Herr Sämann, der zuvor in Kanada gelebt hatte, fertigte eine kleine Kiefernsilhouette aus saugfähiger Pappe an und tränkte diese mit Kiefernöl. Womöglich hat er dabei auch an den heimischen Schwarzwald gedacht. Was so harmlos und weihnachtlich wohlriechend anfing, wuchs zu einem Imperium der Pestilenz heran, das (Herr Sämann starb 1999) bis heute existiert. Mittlerweile gibt es den Wunderbaum, der im Film Sieben von David Fincher in der Kadaverszene seiner gerechten Bestimmung zugeführt wird, auch in der extrem zeitgemäßen Note "New Car".

Unterdessen brennt in vielen Wohnungen, in die ich zufällig reinschneie oder eingeladen bin, die Duftkerze Abd El Kader, eine Kreation der französischen Kerzenmanufaktur Cire Trudon. Sie verströmt einen Duft nach Basilikum, Minze und einem Hauch von Zitronensaft. Als Komposition gefiel mir das am Anfang ganz gut. Aber mittlerweile bin ich abgestumpft. Es ist immer das Gleiche. Die Gäste kommen, es wird gekocht in einer dieser herrlichen Küchen. Es gibt etwas Feines, mit Niedrigtemperaturmethode gegart, smoked oder raffiniert gebeizt. Was könnte da an Wohlgerüchen entstehen! Warmer Weinsud, Knoblauch in Butter, gebratenes Fleisch. Stattdessen schwebt über dem Herd eine bombastische Dunstabzugshaube, die mit ihren Halogenstrahlern alles lupenrein ausleuchtet und wie ein blank poliertes katholisches Bestrafungsraumschiff alles absaugt, was duften könnte. Und im Hintergrund dudelt Abd El Kader. Oder eines dieser Gefäße mit Duftlauge drin, aus dem ein Bündel Mikadostäbchen ragt.