Der Erste Bürgermeister, der Oberbaudirektor und der Chef der HafenCity-Gesellschaft verkündeten die frohe Botschaft: Hamburg soll ein neues Hochhaus bekommen. Na toll. Spätestens damit wird man die ersehnte Weltgeltung erreichen, falls es mit der Elbphilharmonie wider Erwarten doch nicht klappt.

Das Haus soll allerdings gerade mal 200 Meter hoch sein. Das reicht kaum für die Weltgeltung, allein in Frankfurt stehen fünf oder sechs höhere Bürotürme. Unter den höchsten Bauten der Welt taucht ein skyscraper made in Hamburg bislang auf den ersten 100 Plätzen nicht auf; das zurzeit höchste Gebäude der Welt steht mit dem Burj Chalifa in Dubai und ist mehr als viermal so hoch wie der geplante Elbtower. Dass sie in den Emiraten mit Neid auf Hamburg blicken werden, ist eher unwahrscheinlich.

Und Hamburg ist ja auch nicht Dubai. In der Innenstadt gilt ein Hochhausverbot, das allerdings strapazierfähig ist. Siehe das Gebäude von Unilever aus dem Jahr 1964, das ursprünglich 90 Meter hoch sein durfte, heute aber vier Geschosse mehr umfasst und damit die Höhe des Rathausturmes erreicht. Immerhin: Von der Lombardsbrücke aus kann man die Türme der Hauptkirchen noch gut erkennen. Von der Südseite, der Elbe aus ist das deutlich schwieriger.

Das neue Hochhaus soll nicht in der Innenstadt stehen, sondern an den Elbbrücken und hat eine ganz andere städtebauliche Funktion: Es geht darum, den von Süden Ankommenden zu signalisieren: Leute, ihr seid jetzt in Hamburg!

Olaf Scholz bezog sich umgehend auf Hamburgs städtebaulichen Säulenheiligen, "denn jetzt haben wir die Chance, mit dem Vorhaben Elbtower das Kunstwerk Hamburg, wie es der frühere Oberbaudirektor Fritz Schumacher einmal nannte, endgültig im 21. Jahrhundert zu verankern, ohne etwas von der Qualität der Vergangenheit preiszugeben".

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Man fragt sich, woher der Optimismus kommt, wenn doch die Hamburger Hochhäuser der vergangenen Jahre eher im Bereich Mittelklasse angesiedelt sind – Tanzende Türme, Bavaria-Quartier, Kehrwiederspitze .

Im Übrigen: Schumacher hatte mit dem "Kunstwerk" das Ensemble von Rathaus, Rathausmarkt und Kleiner Alster gemeint. Aber das muss der Bürgermeister ja nicht wissen. Immerhin verlangt Scholz, die "Architektur muss so gut sein, dass alle sich in sie verlieben". Mit etwas Hässlichem möchte der Erste Bürgermeister nicht identifiziert werden. Und auch nicht mit einem Projekt, das die Stadt viel Geld kostet. Weshalb sofort verkündet wird, dass kein Steuergeld in die Sache fließen werde. Das sollte bei einem privaten Investment jedoch selbstverständlich sein und eigentlich nicht weiter erwähnenswert.

Also: 200 Meter hoch. An den Elbbrücken. Und himmlisch schön. Oberbaudirektor Jörn Walter versucht, diese Schönheit schon mal zu beschreiben: "Schlank und elegant heißt die Botschaft", skulptural, mit Sockel, natürlich nachhaltig. Obendrauf muss auch etwas platziert werden, "irgendwie ein Zeichen". Vielleicht findet sich ja ein Mercedesstern, wie auf dem sogenannten Europacenter in Berlin. Oder man nimmt das Hamburger Wappen.

Das trifft den Kern der Frage nach Sinn und Unsinn des imaginierten Hochhauses. Ein Investor will nämlich mit seinen Investitionen Geld verdienen. Die Stadt Hamburg will das auch, indem sie das Grundstück möglichst teuer verkauft. Mit öffentlichen Nutzungen wie "Ausstellungs- und Kulturflächen, Gastronomie, mit Veranstaltungs- und Konferenzflächen oder Einzelhandel", wie es in der Presseerklärung heißt, lässt sich das allerdings kaum erreichen.

Eine Milliarde Euro soll der Turm kosten. Die investiert man nur, wenn man etwas zurückbekommt. Das geplante Gebäude wird also hauptsächlich ein Ensemble von Büroflächen sein. Wenn das mal kein schwieriger Spagat ist: Der Elbtower als öffentliches Zeichen mit einem nicht öffentlichen, kommerziellen Inhalt.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass jedes Gebäude etwas ausdrückt. Und wenn ein Investor etwas baut, dann will er nicht "einen urbanen, öffentlichen Charakter" oder etwas ähnlich Abstraktes gestalten, sondern eine ordentliche Rendite erwirtschaften. Alles andere ist Augenwischerei.