Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

In das Gedächtnis der türkischen politischen Geschichte ist eine unvergessliche Szene eingeschrieben: Am 15. September 1961 bringt ein Schnellboot 20 Passagiere von einer Insel im Marmarameer zur anderen. Die Passagiere tragen Handschellen. Bei einem von ihnen handelt es sich um den durch einen Militärputsch abgesetzten Staatspräsidenten Celal Bayar, bei den anderen um Minister, Abgeordnete und Bürokraten seiner Partei. Alle sind zum Tode verurteilt. Das Schnellboot bringt sie von Yassıada, wo ihnen der Prozess gemacht worden war, nach Imralı, wo ihr Galgen steht. Bayar bricht die Stille und fordert den abgesetzten Außenminister auf: "Nun erklären Sie mir einmal, welche Vor- und Nachteile unsere Mitgliedschaft in der EWG hat!"

Das ist der Protest eines Staatschefs.

Ein Jahr vor dem Coup hatte die Türkei die Mitgliedschaft in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beantragt. Der Außenminister, der den Antrag gestellt hatte, erklärte, diese Gemeinschaft sei die Zukunft Europas, die Türkei müsse unbedingt dabei sein. Am nächsten Tag wurde er hingerichtet.

Europa und die Todesstrafe: Dieses Duo sitzt seither auf den beiden Enden der politischen Wippe. Mit dem Aufstellen von Galgen nach jedem Putsch rückte der europäische Traum für die Türkei ein wenig ferner. Dann kam der Tag, an dem sie die Todesstrafe aus ihren Gesetzen strich, um Vollmitglied in der Europäischen Union werden zu können.

Während die Vollmitgliedschaft sich heute in eine Illusion verwandelt, schickt Erdoğan sich an, erneut Galgen aufzustellen. Einen Monat vor dem kritischen Volksentscheid verkündete er, ein Ja zur neuen Verfassung bedeute auch ein Ja zur Todesstrafe. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, mit dem ich letzte Woche sprach, sagte indes, das wäre "das Ende der Beziehungen der Türkei zu Europa".

Ob Erdoğan genau das im Sinn hat? Beabsichtigt er, wenn er die Hälfte der Wählerstimmen und die Zustimmung zur Todesstrafe bekommen hat, die Türkei von ihrer hundertjährigen Europareise abzubringen und gen Osten zu steuern? Will er sich damit vor dem Ansturm der erwarteten rund 40.000 Beschwerden beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof, vor Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe und sich selbst vor einer möglichen Anklage retten? Treibt er deshalb die Spannungen mit Europa auf die Spitze?

Ist das der Grund dafür, dass er am Tag nach der Ankündigung, die Todesstrafe wieder einführen zu wollen, nach Moskau flog und auf dem Rückflug erklärte, er habe mit Putin über das Flugabwehrsystem S-400 gesprochen: "Wenn wir diese Möglichkeiten in der Nato nicht bekommen, müssen wir uns notgedrungen nach einer Lösung umsehen"? Plant Erdoğan, nachdem er das EU-Abenteuer beendet haben wird, eine langfristige Kooperation mit dem nördlichen Nachbarn? Oder ist alles nur Bluff?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Da Erdoğan weiß, dass Deutschland sein größter Handelspartner ist, sieht er, dass der Abbruch der Beziehungen wirtschaftlich ein Desaster bedeuten könnte. Doch womöglich vertraut er auf die Macht, die ihm – dank des Flüchtlingstrumpfs – seine Bluffs bereits zuvor eingetragen haben. Genüsslich, da er den "Feind", den er im Inland nicht fand, nun im Ausland gefunden hat, versetzt er vor dem Referendum seine Massen in Bewegung. Dabei ist ihm das "Europa der Verbote" mit seiner Politik der Ausgrenzung behilflich. Solche Spiele sind gefährlich.

Wenn die Regierungen in Berlin, Den Haag und Ankara mit innenpolitischem Kalkül die Stimmung aufheizen, legen sie Sprengstoff an die internationale Politik. Das Nachsehen haben die gegeneinander aufgehetzten Bürger. In der Hand eines Führers, der bei der Wahl Galgen verspricht, steuert die Türkei ins Ungewisse und stellt ihre Zukunft und Europa infrage.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe