Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Machste jetzt auf Feministin?, raunzt der Junge seine Freundin an. Sie hat ihm gesagt, heute wolle sie mal nur mit ihren Freundinnen unterwegs sein. Darauf das Mädchen: Quatsch, so uncool bin ich doch nicht. Ein abgelauschtes U-Bahn-Gespräch in einer ganz normalen deutschen Stadt. Feminismus als Ausdruck neuer Spießigkeit, wann hat sich dieser Eindruck eingeschlichen? Ist die 16-Jährige von den vielen guten Ratschlägen ihrer Mutter genervt? Oder weiß sie gar nicht, wovon sie spricht? Ist es in ihrer Welt aus Frauenparkplätzen und "Girls’ Days", regiert von einer Bundeskanzlerin und inspiriert durch die Schönheitskommandos von Heidi Klum, normal, dass Frauen leben und machen, was sie wollen? Vielleicht gibt es in der Welt keinen Bedarf mehr dafür, sensibel zu sein für gute und für schlechte Unterscheidungen zwischen Jungen und Mädchen. Oder ist der Widerspruch im Alltag einfach etabliert?

Mädchen wissen längst, dass sie gut in Mathe sein können. Sie studieren trotzdem selten Informatik. Mädchen kennen ihren eigenen Körper, sie sind aufgeklärt und selbstbewusst und räsonieren auf Youtube-Kanälen trotzdem über das richtige Alter für Schönheits-OPs und ob es okay ist, wenn ein Mitschüler sie unter dem Rock anfasst. Sie haben berufstätige Mütter, die anders als in der Werbung abgehetzt und traurig wirken, weil männliche Kollegen das Rennen um die Abteilungsleitung wieder mal gemacht haben. Sie reden offen über Sex, den sie nur vermeintlich haben, während eine Klassenkameradin in ein Flugzeug nach Ankara geschickt wird, um dort ihren Ehemann zu treffen. Vielleicht ist Feminismus für diese jungen Frauen so uncool, weil die Widersprüche in klaren Weltbildern wenig Platz haben. Sie wollen in Freunden, Brüdern, Lehrern und Vätern keine Feinde sehen. Vielleicht ist der Feminismus auch Opfer des eigenen Erfolgs und der vorzeitigen Erschöpfung durch manche Übertreibung auf Kosten anderer Frauen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Doch in einer Zeit, in der Präsidenten und TV-Stars öffentlich behaupten können, sie könnten jede Frau anfassen, wenn sie nur wollten, in einer Zeit, in der Frauen zum Mond fliegen, aber nicht sicher über die Domplatte gehen können, sind die Anliegen des Feminismus nicht überkommen. Uncool sind die frauenverachtenden Bilder in der Werbung, uncool sind die dämlichen Sprüche am Tresen, die auch nicht besser werden, wenn sie mit "Frauen, hört mal weg" eingeleitet werden. Uncool sind erst recht die vielen Menschenrechtsverletzungen an Mädchen und Frauen weltweit, von Beschneidungen bis zur Zwangsverheiratung. Uncool ist es, wenn ein 16-Jähriger es als Bedrohung empfindet, dass seine Freundin den Abend ohne ihn verbringen will.