Vor eineinhalb Jahren, als die Flüchtlinge in großer Zahl in die Stadt kamen, war die Aufregung enorm. Allein in den beiden vergangenen Jahren nahm Hamburg knapp 32.000 Menschen aus anderen Kulturen auf, zwei Drittel davon jung und männlich, oft alleinstehend. Auf Angela Merkels berühmt gewordenen Satz "Wir schaffen das" folgt seither oft die Frage: Wirklich?

Inzwischen wird das Thema aber deutlich seltener und weniger aufgeregt diskutiert. Das liegt daran, dass die Stadt kaum noch neue Flüchtlinge erreichen: 928 hat Hamburg im Januar und Februar aufgenommen, im Herbst 2015 kamen an einem einzigen Tag manchmal mehr als 700.

Die eigentliche Aufgabe hat dagegen erst begonnen: die Integration. Wo leben die insgesamt 51.000 Flüchtlinge in Hamburg heute? Funktioniert ihre Aufnahme in Schulen und Kitas? Wie viele haben Arbeit gefunden? Sind Flüchtlinge wirklich krimineller als der Rest der Bevölkerung, wie es teils behauptet wird? Und ist der Senat bei der Abschiebung so konsequent, wie er zu sein vorgibt?

Anlass für eine Recherche.

Unterkünfte

Bilanz: enttäuschend
Der Ausbau stockt

In der Hochphase der Flüchtlingskrise waren die Erstaufnahmen das Problem. Es gab viel zu wenig Plätze für viel zu viele Neuankömmlinge. Das ist vorbei. Jetzt fehlt noch immer Platz in den Folgeunterkünften, also den etwas komfortableren Wohnungen, in denen die Flüchtlinge selbst kochen können. 95 dieser Unterkünfte gab es Ende 2015, heute sind es 119. Zu wenig. Mehr als 5.000 Flüchtlinge warten auf einen Platz.

Über die Gründe für den schleppenden Ausbau wird gestritten. Vom Zentralen Koordinierungsstab der Stadt heißt es, die Bürgerinitiativen hätten im vergangenen Jahr große Unterkünfte verhindert. Nun fehlten diese Wohnungen. Kritiker wollen das nicht gelten lassen. Es sei unredlich, die Krise den Initiativen "in die Schuhe zu schieben", sagt CDU-Politikerin Karin Prien. Vielmehr hätte man "eben von vornherein alternative Planungen gebraucht, die aber verschlafen wurden". Sprich: mehr Flächen für kleine Unterkünfte. Ob es in Hamburg genügend solche Flächen gibt, darüber wurde im vergangenen Jahr lange gestritten.

Über eine Folge des Platzmangels besteht dagegen kein Zweifel: 600 Flüchtlinge leben immer noch in Notunterkünften wie Baumarkthallen. Die Erklärung der Stadt: Es gäbe nur Ärger, würde man die Menschen umquartieren, ohne dass sich ihre Situation deutlich verbessere. Deshalb nehme man lieber eine längere prekäre Unterbringung in Kauf – um den Flüchtlingen dann gleich eine richtige Wohnung zuzuteilen. KES

Arbeit

Bilanz: ernüchternd
Es mangelt an Qualifikationen

Der Senat hat klare Ziele: Zehn Prozent der Flüchtlinge sollen im ersten Jahr Arbeit finden, nach fünf Jahren soll weniger als die Hälfte arbeitslos sein. Eine große Herausforderung. Nur etwa 20 Prozent der in Hamburg angekommenen Flüchtlinge haben eine Berufsausbildung oder ein Studium absolviert. Weitere 30 Prozent haben in ihrer Heimat zwar in Berufen gearbeitet, aber ohne formelle Ausbildung. Die Hälfte der Angekommenen hat keine Berufserfahrung.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Arbeitsagentur erfasst Arbeitslose aus den acht häufigsten Herkunftsländern der Flüchtlinge. Etwa 18.400 Menschen aus diesen Ländern waren zuletzt arbeitslos gemeldet, im vergangenen Jahr haben etwa 1.800 von ihnen einen Job gefunden. Das sind knapp 10 Prozent. Ähnlich sind die Zahlen der Sozialbehörde: Von etwa 1.000 Flüchtlingen, die sich bis im vergangenen April beraten ließen, fanden 97 eine Arbeit. 82 konnten in Praktika vermittelt werden, 19 in eine Ausbildung.

Schwieriger wird es, die anderen Flüchtlinge für einen der derzeit 17.000 freien Jobs in Hamburg zu qualifizieren. Handels- und Handwerkskammer sollen erkunden, wie groß die Fähigkeiten der Flüchtlinge ohne Ausbildung sind. Das dauert.

Die Sozialbehörde gibt sich dennoch optimistisch. Die meisten Flüchtlinge seien jung, 80 Prozent seien vier Jahre oder länger zur Schule gegangen. Und aus den Kammern heißt es, die Unternehmen seien bereit, Flüchtlinge einzustellen – wenn sie gut ausgebildet sind. OHO

Schulen und Kitas

Bilanz: ordentlich
Die Eingliederung gelingt

Die Integration der Flüchtlingskinder in Schulen und Kitas läuft relativ reibungslos. Hamburg profitiert davon, dass es hier schon seit vielen Jahren spezielle Klassen gibt, in denen Kinder von Einwanderern auf den regulären Unterricht vorbereitet werden.

Etwa 570 Schüler werden derzeit noch in provisorischen Lerngruppen in den Erstaufnahmen unterrichtet. Knapp 4.300 Kinder besuchen inzwischen Vorbereitungsklassen. Dort lernen sie ein Jahr lang Deutsch, bevor sie in den normalen Unterricht integriert werden. Im vergangenen Schuljahr sind 1250 Flüchtlingskinder in Regelklassen gewechselt. In diesem Schuljahr werden es deutlich mehr sein.

Das ist eine Herausforderung. Hört man sich unter Lehrern um, sind die Einschätzungen unterschiedlich: Viele erwähnen, wie motiviert die Flüchtlingskinder sind. Viele sind aber auch besorgt über deren niedrigen Wissensstand.

Einig sind sich die Pädagogen, dass die Kinder möglichst früh betreut werden sollten, um Deutsch zu lernen. In den meisten Herkunftsländern der Flüchtlinge ist eine solche Kinderbetreuung allerdings nicht üblich. Es sei oft kompliziert, die Eltern vom Sinn einer Kita zu überzeugen, heißt es aus der Sozialbehörde. Verpflichtend ist in Hamburg nur das Vorschuljahr. Etwa 1.400 Kinder aus Flüchtlingsunterkünften waren zuletzt in Kitas angemeldet, etwa 250 gehen in die Vorschule, Tendenz steigend. Inzwischen werden etwa 80 Prozent der drei- bis sechsjährigen Flüchtlingskinder betreut. OHO