Das Lob kam aus berufener Quelle: "In Florenz hörte ich die Tochter des Signor Giulio Romano sehr schön singen und Laute und Clavicembalo spielen", schrieb Claudio Monteverdi 1610 an den römischen Kardinal Ferdinando Gonzaga. Das prominente Urteil galt Francesca Caccini, einer der schillerndsten italienischen Künstlerinnen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts – und der bedeutendsten Komponistinnen im Übergang zum Frühbarock. Zusammen mit den Madrigal-Komponistinnen Barbara Strozzi und Maddalena Casulana liefert Caccini den lebendigen Beweis dafür, dass das Bildungsideal der italienischen Renaissance keine Geschlechtergrenzen kannte.

1587 in Florenz geboren und wahrscheinlich um 1641 herum in ihrer Heimatstadt gestorben, brachte Francesca Caccini das Kunststück fertig, unmittelbar nach ihrer Ausbildung fast vier Jahrzehnte lang als freischaffende Musikerin zu leben. Sie war so schön wie berühmt, europäische Fürsten- und Königshäuser rissen sich um sie, Paris und Florenz ließen sich um ihretwillen sogar in eine diplomatische Krise verwickeln. Francescas Vater war der renommierte Komponist und Opernpionier Giulio Caccini, auch Giulio Romano genannt. Wie ihre jüngere Schwester Settimia (die ebenfalls komponierte) sang sie in dem Chor der donne di Giulio Romano, einem professionellen Familienbetrieb. Müßig zu erwähnen, dass sie alle höfischen Regeln und Manieren beherrschte und mehrere Sprachen fließend sprach.

Francesca Caccini hat insgesamt sieben Bühnenwerke komponiert, von denen leider nur La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina ( Die Befreiung Ruggieros von Alcinas Insel ) aus dem Jahr 1625 überliefert ist. Es spricht einiges dafür, dass es sich hierbei um die erste von einer Frau geschriebene Oper der Musikgeschichte handelt. Dass die Partitur – einschließlich Caccinis kostbarer Anmerkungen zur Aufführungspraxis – anlässlich der Florentiner Premiere im Druck erschien, der damals noch enorm teuer war, drückt eine ganz besondere Wertschätzung dem Werk wie der Künstlerin gegenüber aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Umso erstaunlicher ist es, dass man Caccini (wie etliche Komponistinnen der Vergangenheit) heute kaum mehr kennt. Auf Platten ist ihr Werk lediglich mit wenigen Liedern, Kanzonetten und Arien vertreten, meist auf Samplern italienischer Barockkomponistinnen und in problematischer künstlerischer Qualität. Jetzt aber liegt die erste wirklich exquisite Einspielung der Befreiung des Ruggiero vor. Aufgenommen hat sie die Italienerin Elena Sartori mit ihrem Ensemble Allabastrina und der Bläsertruppe La Pifarescha nebst einer Schar hervorragender Sängerinnen und Sänger aus der Alte-Musik-Szene. Sartori setzt bewusst auf italienische Muttersprachler, weil sie eine perfekte Aussprache für den Stil des rezitierenden Gesangs (recitar cantando) für essenziell hält.

Den Auftrag für die Oper erhielt Francesca Caccini von der Großherzogin der Toskana, Maria Magdalena von Österreich. Die hatte, um den Besuch des Kronprinzen Wladislaw Sigismund von Polen zu feiern, ihres zukünftigen Schwiegersohns, bei der Komponistin eine "commedia" bestellt. Das Libretto schrieb Ferdinando Saracinelli, wahrscheinlich in enger Abstimmung mit Caccini. Es fußt auf Ariosts Epos Orlando furioso, einem im 17. und 18. Jahrhundert ungemein populären Opernstoff, den neben Lully und Vivaldi auch Hasse, Händel und Haydn vertont haben.