Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist vielen Genossen aus Brandenburg an der Havel die Sache mit dem Knallfrosch. Frank-Walter Steinmeier, damals Außenminister der Bundesrepublik, hatte am Vormittag des 4. November 2016 den türkischen Gesandten empfangen und am Nachmittag eine Pressekonferenz mit Boris Johnson gegeben, seinem britischen Amtskollegen. Es ging um die ganz großen Fragen, die Zukunft der EU, den Brexit.

"Ja, und abends kam Frank-Walter dann zu uns ins Restaurant Knallfrosch nach Kirchmöser", sagt Udo Geiseler, Gymnasiallehrer und SPD-Stadtverordneter aus Brandenburg an der Havel: Steinmeier besuchte seinen SPD-Ortsverband, zum geselligen Abend, es ging bis spät in die Nacht. "Das hat mich beeindruckt, und das erlebte man immer wieder mit ihm", sagt Geiseler: "dass er die große, weite Welt kennt, aber sich abends nicht zu schade ist, zu seinem Ortsverein ins abgelegene Lokal zu fahren, wo seine Chauffeure aufpassen müssen, dass sie mit den gepanzerten Autos nicht aufsetzen. Da kommt er, nimmt die Krawatte ab, keine Frage ist ihm zu doof."

Frank-Walter Steinmeier übernimmt an diesem Wochenende das Amt des Bundespräsidenten, und man könnte meinen, mit dem Wechsel vom Ost-Bürgerrechtler Joachim Gauck, geboren in Rostock, zum West-Verwaltungskarrierebeamten Steinmeier, geboren in Detmold, ziehe auch der Osten aus Schloss Bellevue aus. Wenn man sich da mal nicht täuscht. Wenn man da mal nicht unterschätzt, wie wichtig und prägend ausgerechnet ein Jahrzehnt in Brandenburg für den heute 61-jährigen Steinmeier gewesen ist. Hier musste er, als er schon Außenminister war, beweisen, dass er nicht nur Weltläufigkeit beherrscht, sondern auch Bürgernähe. Viele in Brandenburg sind überzeugt, Steinmeier verdanke es diesem Ort, dass er nun womöglich beide Anforderungen seines neuen Jobs erfüllt: auf internationalem Parkett trittsicher zu sein – zugleich aber auch provinzbegabt. Lehrte auch Brandenburg ihn, ein guter Präsident zu werden?

Von 2009 bis zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten war Steinmeier direkt gewählter Bundestagsabgeordneter in der Region um Brandenburg an der Havel, wobei er schon zwei Jahre früher anfing, sich im Ort zu engagieren. In Saaringen, einem Sackgassendörfchen am Ufer der Havel, nahm er sich eine Wochenendwohnung. Steinmeier selbst schwärmt von dieser Wohnung, "wir kommen ja nun beide vom Dorfe", sagte er einmal der SuperIllu über sich und seine Frau Elke, "und nun wohnen wir dort im früheren Kuhstall der LPG", herrlich sei das, "am liebsten sitze ich Sonntagnachmittag mit Elke an der Havel, blicke übers Wasser und lasse die Seele baumeln".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 12 vom 16.3.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Warum er hierherkam? Im Jahr 2007, als manches darauf hindeutete, dass Steinmeier Kanzlerkandidat der SPD werden würde – da hatte er schon eine lange Karriere in der Bundespolitik hinter sich, etwa als Kanzleramtschef im Kabinett Gerhard Schröders und später als Außenminister einer großen Koalition. Aber er kam aus der Verwaltung, hatte nie ein Direktmandat errungen. Deswegen sollte er in einem aussichtsreichen Bundestagswahlkreis antreten. Niedersachsen hätte ihm gerne einen angedeihen lassen. Aber Steinmeier entschied sich für Brandenburg. Der damalige SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck überzeugte ihn, bei einem Abendessen in dessen Küche, "er hat viele Steaks gebraten", sagte Steinmeier später.

Der Wahlkreis im Havelland hatte viele Vorteile. Er war seit 1990 immer an die SPD gegangen. Und er liegt nur 80 Kilometer von Berlin entfernt.

Anfangs, so ein Brandenburger Sozialdemokrat, hätten viele gedacht: "Den werden wir im Wahlkreis so gut wie nie sehen. Der wird sich nur im Wahlkampf zeigen." CDU-Mann Jörg Schönbohm, langjähriger Innenminister in Potsdam, frotzelte: Er beobachte mit Interesse, "wie die SPD versucht, aus Frank-Walter Steinmeier einen Original-Brandenburger zu machen". Aber das Frotzeln hielt nicht lange an.

Steinmeier nahm die Sache ernst.