Wenn du zur Insel gehst, vergiss die Peitsche nicht: Diese Maxime beherzigte die Wiener Baronesse Eloise Wehrborn de Wagner-Bousquet, als sie im Oktober 1932 mit zwei Liebhabern im Schlepptau das Eiland Floreana im Galápagos-Archipel betrat – 1.000 Kilometer von der ecuadorianischen Küste entfernt. Eine Pistole hatte sie auch dabei, viel Gepäck und den unbändigen Willen, in den Tropen ihr Glück zu machen – um jeden Preis. Floreana, die karge Vulkaninsel, war jedoch keineswegs jungfräuliches Territorium. Dort lebten bereits zwei Paare aus Deutschland: der einstige Zahnarzt Dr. Friedrich Ritter aus Berlin, den es unter dem geistigen Einfluss von Friedrich Nietzsche zurück zur Natur auf der bis dahin unbewohnten Insel gezogen hatte, und seine Geliebte Dore Strauch sowie das später zugereiste Ehepaar Wittmer aus dem Rheinland.

Die eher biederen Wittmers vertrugen sich schlecht mit den anthroposophischen Freigeistern, die am liebsten nackt herumliefen, doch man hatte sich einigermaßen arrangiert. Als jedoch die exzentrische Baronesse und ihre Entourage die Insel kaperten, eskalierte die Situation: Eifersucht, Neid, Geldgier und zuletzt blanker Hass nahmen überhand, bis schließlich fünf Menschen tot oder verschwunden waren. Wer da wie und unter welchen Umständen ums Leben kam, konnte bis heute nicht zufriedenstellend geklärt werden. Floreana, die "Insel der toten Deutschen", ist als ungeklärtes Mysterium in die Geschichte eingegangen.

Das Kriminalstück vom Ende der Welt beflügelt seit 80 Jahren die Fantasie von Schriftstellern, Journalisten und Filmemachern. Jetzt hat sich auch der österreichische Dramatiker Felix Mitterer in die Phalanx der Interpreten eingereiht, welche die undurchsichtige Affäre zu deuten versuchen: Galápagos nennt er schlicht sein neues Theaterstück, das diese Woche am Theater in der Josefstadt Premiere hat. Das Drama entwickelt sich nach dem Modell einer filmischen Montage, in der verschiedene Zeitebenen verschränkt werden.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ein Aspekt, dem der Autor besonderes Augenmerk widmet, ist der öffentliche Charakter des vermeintlich privaten Rückzugsgebietes. Die Einsiedler schienen zwar in einer splendid isolation fernab aller zivilisatorischen Errungenschaften zu leben. In Wahrheit standen sie jedoch in enger Verbindung mit der Außenwelt. Ständig legten Schiffe im kleinen Hafen am Fuße des Berges Cerro Pajas an, brachten Lebensmittel und andere Annehmlichkeiten zu dem entlegenen Eiland. Amüsiert verfolgten neugierige Besucher die komplizierten Verwicklungen in diesem eigenartigen Menschenzoo. Einer der bekanntesten Besucher war der kalifornische Öltycoon George Allan Hancock, der privat finanzierte Forschungsreisen zu den Galápagos-Inseln unternahm und dabei häufig die Siedler von Floreana in verwegenen Posen verewigte und sogar ihre Post beförderte. Darunter Artikel über das Leben in der Einöde, meist von Dr. Ritter in die Tasten seiner Torpedo-TW-Schreibmaschine gehämmert, die dann in deutschen und amerikanischen Zeitungen erschienen und die Zivilisationsflüchtlinge zu frühen Medienstars machten. "Man hat das Gefühl, sich in einer Vorstufe jener narzisstischen Selbstbespiegelung zu befinden, wie man sie heute aus den sozialen Netzwerken kennt", meint Regisseurin Stephanie Mohr, die das Stück zur Uraufführung bringt. "Da gehen Menschen weg, um sich von der Zivilisation abzukoppeln und eine individuelle Lebensperspektive zu entwerfen, tragen das aber ununterbrochen in die Öffentlichkeit. Das ist so, als würde jemand ständig Selfies in die Welt hinausschicken."

Als Objekte für eine dramatische Studie über ausufernden und in der letzten Konsequenz sogar tödlichen Narzissmus sind die Leitfiguren des Inselparadieses, das zur Hölle wurde, bestens geeignet: Der Arzt Friedrich Ritter stilisierte sich zu einer Art Übermensch, der die Zwangsjacke der Zivilisation abstreifte, um unter Pionierbedingungen die Natur zu bezwingen.

Sicherheitshalber hatten er und seine Gefährtin Dore Strauch sich vor dem Aufbruch ins Ungewisse die Zähne ziehen lassen – nun teilten sie sich ein Gebiss aus Edelstahl. Ritter hatte die Absicht, auf Floreana ein philosophisches Meisterwerk zu schreiben, das die Welt verändern sollte. In seinem Denken mischte sich ein kruder Nietzscheanismus mit Versatzstücken aus dem Denken des chinesischen Philosophen Laotse, angereichert durch mystische Elemente, lebensreformerische Überlegungen und eine grundsätzliche Ablehnung der westlichen Zivilisation. Ritters Geliebte Dore Strauch, die bereits vor der Abreise an Multipler Sklerose erkrankt war, ging ihm als treue Begleiterin zur Hand und wollte ihn als Muse inspirieren. Doch der Denker, der mit dem Hammer zu philosophieren versuchte, brachte nicht mehr als ein paar Notizen zustande – sein Opus magnum erblickte nie das Licht der Öffentlichkeit.