Der britische Adel gewinnt eigentlich nur noch Emmys. Fernsehpreise gibt es für liebenswürdige Lords und Ladys seit Jahren zuhauf, wenn sie in hübschen Serien durch Parks flanieren und den Hut zum Gruße ziehen. Das Publikum in aller Welt schätzt die Höflichkeit und den Wertkonservatismus, den die Earls und Dukes auf den Bildschirmen verbreiten. Der britische Adel scheint vollständig domestiziert, er kommt einem entweder fiktiv oder vergangen vor.

Jetzt hat er die weißen Handschuhe ausgezogen und die Revolte gewagt. Die Adeligen wollten die Brexit-Pläne der Regierung beeinflussen. Es war ein Aufstand, der aus Ehre begonnen und dann aus Anstand beendet wurde. Es klingt paradox, aber: Mit diesen feudalen Werten hat die britische Elite aufrichtig die parlamentarische Demokratie verteidigt.

Sie tat das im House of Lords, einer Institution, die sonst eher sedierenden Charakter hat. In dieser zweiten Kammer des Parlaments legt der Adel seit Jahrhunderten seine Ansichten dar. Jetzt hat er das Interesse der Brexit-Verlierer, die immerhin 48 Prozent der Stimmberechtigten ausmachen, artikuliert. Damit hat er getan, was die wichtigere Hälfte des Parlaments, das House of Commons, seit einem Dreivierteljahr nicht schafft: Er hat leidenschaftlich Widerstand geleistet gegen die harten Brexit-Pläne der Regierung und damit den Zukurzgekommenen und den Skeptischen eine Stimme gegeben, die sich außerparlamentarisch schon länger in gewaltigen Protestmärschen manifestiert. Er hat die Interessen der Minderheit vertreten, wie es sich für ein Parlament, das nicht von einem Plebiszit eingeschüchtert ist, gehört.

Großbritannien - Britisches Oberhaus fordert Änderung am Brexit-Gesetz Großbritanniens Regierungschefin Theresa May hat eine Niederlage erlitten: Eine Entscheidung des Oberhauses könnte den Brexit-Zeitplan durcheinanderbringen. Die Politiker forderten, Rechte von EU-Ausländern zu garantieren. © Foto: Reuters TV

Wie kam es zu dem Aufstand? Ende März möchte die Premierministerin Theresa May offiziell die Austrittsverhandlungen mit der EU beginnen. Für diesen Schritt benötigte sie ein Mandat, also die Zustimmung beider Kammern des britischen Parlaments. Das Unterhaus sagte schnellstmöglich Ja, doch das Oberhaus meldete mit gewaltiger Mehrheit Widerspruch an.

Zwei Ergänzungen wollten die Lords und Ladys am aktuellen Mandat für May anbringen. Zuerst verabschiedeten sie einen Zusatz, der allen in Britannien lebenden Europäern ein Bleiberecht für die Zeit nach dem Brexit garantieren würde. In einer zweiten Ergänzung votierte das Haus für den Parlamentsvorbehalt. Beide Kammern sollten am Ende der Verhandlungen mit der EU über den Deal abstimmen dürfen, den die Premierministerin ausgehandelt haben würde. Kein Blankoscheck für May, kein Durchregieren der Exekutive. Adelige Abgeordnete aller Parteien stimmten für die beiden Zusätze, sogar einige Tory-Abtrünnige. Es waren Tiefschläge für May, die nach jahrelangen Austrittsverhandlungen mit der EU nicht noch mal das Parlament um ein Plazet bitten wollte. Schon jubelten die Brexit-Gegner: Konnten die Lords ihnen helfen, das Ergebnis der Volksabstimmung vom Juni irgendwie zu überstimmen oder zu korrigieren?

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"Es geht um die Ehre dieses Hauses", sagte der prominente Liberaldemokrat Lord Ashdown, die Brexit-Revolte seiner Kollegen erklärend, und präzisierte: "Es handelt sich um eine Frage des Prinzips, des Anstands und der Ehre." Währenddessen stand er in der monumentalen Lobby des britischen Parlaments und sprach auch so. Um ihn herum die staatstragenden steinernen Statuen englischer Monarchen und bedeutender Premierminister, die während des Interviews mit der BBC-Reporterin prüfend auf ihn herabzublicken schienen. Das Prinzip, um das es den Lords tatsächlich geht, ist die Herrschaft des Parlaments. Es soll das letzte Wort in den Brexit-Verhandlungen haben dürfen, welches ihm durch das Volksreferendum im Juni eigentlich bereits entzogen worden war. Das Parlament, nicht das Volk, sollte nach Ansicht der Lords final über das Schicksal Großbritanniens entscheiden dürfen.

Mit dieser Sichtweise ist der konservative Adel plötzlich auf der Seite der Protestler gelandet. Seine alten Prinzipien vermählen sich auf einmal mit den Interessen der Straße, der Jugend und der Ausländer. Folglich hat die soziale Oberelite gerade eine urdemokratische Funktion inne – die der Opposition. Diesem Umstand kommt eine undemokratische Tatsache zugute: Weil die Abgeordneten des House of Lords nicht gewählt sind, sondern ernannt werden, müssen sie nicht, wie ihre Unterhaus-Kollegen, um die Wiederwahl fürchten. Das macht es ihnen einfacher, dem eigenen Gewissen zu folgen, wenn es um die Frage geht: Darf ich an der Entscheidung des Volkes für einen Brexit nachträglich Zweifel anmelden und Konkretisierungen verlangen? Die Adelsvertreter bejahen die Frage, die Volksvertreter tun sich schwer. Deshalb kann sich das Königreich zurzeit glücklich schätzen, einen nicht demokratisch gewählten Parlamentsteil zu besitzen, der für das Funktionieren der Demokratie sorgt, während die meisten anderen Staatsorgane vor lauter Verfassungskrise und Referendums-Fallout nur mit Krisenmanagement beschäftigt sind.

Indem er "Anstand" und "Ehre" sagte, verwies Ashdown auf zwei Charakterzüge seiner – in britischen Zusammenhängen ist die Vokabel angebracht – Klasse. Diese Klasse ist der Verdienstadel. In den Stand werden verdiente Politiker, Wissenschaftler und Kulturschaffende erhoben, und einige von ihnen gelangen auf Vorschlag des Premiers und durch Ernennung der Königin ins Oberhaus. Dieses Prinzip der Nominierung soll immer mal wieder zugunsten einer demokratischen Wahl der Adelskammer abgeschafft werden. Erfolglos. Die Lords haben alle Reformen irgendwie überlebt.

Mittlerweile werden die Adeligen bereits des Verrats geziehen. Lord Heseltine, unter John Major Vizepremier, wurde von Theresa May für sein aufrührerisches Verhalten in der Brexit-Debatte abgestraft und als Berater der Regierung gefeuert. Mit 83 Jahren, wegen Meuterei. Dabei waren Disziplinarmaßnahmen am Ende der Revolte gar nicht nötig. Die Lords wussten, dass ihre Zusätze zum Brexit-Gesetz am Widerstand der wichtigeren Parlamentskammer scheitern würden. Nachdem sie ihren Punkt artikuliert hatten, wurden sie vom Unterhaus überstimmt. Behindert haben sie dieses Verfahren nicht – was sie sehr wohl gekonnt hätten. Zu wissen, wann es genug ist, auch das ist eben Anstand.