Es gibt eine Szene gleich zu Beginn der neuen, also der 30. Staffel Großstadtrevier, in der kommt alles zusammen, was die Serie kennzeichnet. Ein deprimiertes Klavier, eine eichenfurnierte Hafenkneipe, Fedder und Ketikidou am Glas, Schwenk in Fedders Origamigesicht, und Prost.

Jan Fedder hat sich an einen Punkt geschauspielert, an dem er nichts mehr zu sagen braucht. Er lässt seine Falten sprechen, eine für jede Folge hat er, man kann sie, wenn der Zoom den Tagebau seiner Mimik abschürft, und das passiert oft, nachzählen. Alles an dieser ersten Einstellung schreit: Kult! Genau das ist das Problem. Der Hamburger Kultbegriff. Man muss jetzt kurz ausholen.

In Hamburg wird gern für kultig erklärt, wofür normale Befindlichkeiten nicht mehr auszureichen scheinen. Pudel Club, abgebrannt, aber, logisch, Kult. Kult ist auch der FC St. Pauli, gerade dann, wenn er nicht in der Ersten Liga spielt. Kultig ist der Hafen, das Dauergrau, das Licht. Die Reeperbahn, junggesellenüberrannter Ballermann, aber, hey, Digger, irgendwie trotzdem Kult, oder? Astra ist kultig wegen der Werbung, Rocko Schamoni wegen früher und Heinz Strunk, weil er einen Sprachfehler hat. Bald wird selbst der HSV das enorme Marketingpotenzial entdecken, das darin liegt, jedes Jahr die Relegation zu gewinnen. Der Hamburger Kultbegriff ist ein Verbrechen am Diskurs. Man verkultet das Objekt der Lust, um es abzuschirmen gegen Attacken aller Art.

Beim Großstadtrevier wird das Ganze noch gesteigert, dem Kult wird ein "einfach" vorangestellt. Das Großstadtrevier ist "einfach Kult". Vor allem aber ist es einfach. Einfach zu verstehen, einfach zu vergessen. Pardon, war das jetzt schon zu hart? Hart geht es im Großstadtrevier nämlich nie zu.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Auch die 16 Folgen der neuen Staffel zeigen uns wieder eine heile und aufgeräumte Welt, was irritiert in kaputten und unaufgeräumten Zeiten wie diesen. Nun muss nicht gleich der IS seine Bomben auf den Kiez werfen, aber ein bisschen mehr als Kiosküberfall und Matjesvergiftung dürfte es schon sein.

Wo sind die Bandenkriege, die nachweislich immer noch auf der Reeperbahn, dem Ermittlungsgebiet der fiktiven Wache 14, toben? Wo sind die Osmanis, wo die Eros-Center-Gangster, wo die Messerstechereien im Elbschlosskeller, der "härtesten Kneipe der Stadt" (Mopo, neulich)?

Nichts davon sieht der Zuschauer im Großstadtrevier.

Die Kollegen um Kodderschnauzen-Fedder sind anderweitig beschäftigt. Zum Beispiel damit, eine Fotocollage der vergangenen drei Jahrzehnte zu basteln. An Jubiläumsanspielungen mangelt es mitnichten in der neuen Staffel. Die erste Folge heißt So viele Jahre, und Wanda Perdelwitz alias Nina Sieveking raunt in ihren Holzspindspiegel: "Dreißig Jahre. Ich werde dreißig Jahre alt. In diesem Jahr ist es so weit." Dann schüttelt sie den Kopf und lacht ein bisschen, vermutlich darüber, dass ihr das Selbstgespräch wirklich ins Drehbuch geschrieben wurde.