Eines der zentralen Wahlversprechen Donald Trumps war die Abschiebung illegaler Einwanderer. Diese würden amerikanischen Staatsbürgern Jobs wegnehmen und den Staat Milliarden Dollar kosten, behauptet er. Buy American and hire American – "amerikanische Produkte kaufen und Amerikaner einstellen" – das soll unter seiner Regierung der Grundsatz für Unternehmen sein. Die Frage ist: Würden die US-Bürger tatsächlich von Massenausweisungen illegaler Eingewanderter profitieren?

Alle Parteien in den USA sind sich einig: Das Land braucht eine Lösung für die rund elf Millionen Einwanderer, die sich illegal im Land aufhalten. Doch Massenabschiebungen würden nicht nur teuer – die Schätzungen allein für die Durchführung reichen von 300 bis zu 600 Millionen Dollar –, sondern könnten, so etliche Studien, gravierende wirtschaftliche Nachteile für die USA mit sich bringen.

Trumps hartes Vorgehen gegen Illegale und sein Plan für eine Mauer an der Grenze zu Mexiko kommen zu einer Zeit, in der sich die Zahl der Menschen, die ohne Aufenthaltsgenehmigung in den USA leben, stabilisiert hat. Nach einem starken Zuwachs in den neunziger Jahren kommen mittlerweile deutlich weniger, und diese stammen zunehmend aus Asien und Subsahara-Afrika. Die Immigrationsbilanz aus Mexiko hingegen beträgt seit einigen Jahren netto null: Es kommen genauso viele Mexikaner ohne Papiere über die Grenze, wie umgekehrt Mexikaner die USA wieder verlassen. Die Gründe: Die schwache wirtschaftliche Erholung nach der Finanzkrise dämpfte die Nachfrage nach Arbeitskräften. Gleichzeitig ging es mit der Wirtschaft Mexikos aufwärts.

Die elf Millionen Illegalen in den USA spielen eine wichtige Rolle in der Wirtschaft. Sie entsprechen 3,5 Prozent der Gesamtbevölkerung und stellen fünf Prozent der Erwerbstätigen, hat das Sozialforschungsinstitut Pew Research Center ausgerechnet. Die Rating-Agentur Moody’s befürchtet daher unter anderem Arbeitskräftemangel sowie höhere Arbeitskosten als potenzielle Folgen der Umsetzung von Trumps Plänen. Unternehmen müssten Löhne und Preise deutlich anheben. Am Ende würde das Bruttoinlandsprodukt der USA um eine Billion Dollar schrumpfen, ist das Fazit einer Studie des American Action Forum, eines Thinktanks, der von einem ehemaligen Wirtschaftsberater George W. Bushs geleitet wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Die Erschütterung wäre deshalb so stark, weil die meisten Illegalen voll in das US-Wirtschaftssystem integriert sind. Zwei Drittel der Einwanderer ohne Papiere sind bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in den USA. Zehntausende sind selbstständige Unternehmer. Die meisten arbeiten allerdings in schlecht bezahlten Jobs, die geringe Qualifikation erfordern. Schon klagt das Hotel- und Gaststättengewerbe, dass sich nicht genug US-Bürger für die Jobs finden, um das Wachstum der Branche zu sichern. Für die klassischen Einstiegsjobs in die Berufswelt meldeten sich laut dem Gastronomieverband nicht genug 16- bis 24-jährige US-Bürger. "Unser Einwanderungssystem ist kaputt", schreibt der Verband auf seiner Webseite. Auch Donald Trump holte sich – soweit bekannt, legal – ausländische Arbeitnehmer für sein Luxus-Resort Mar al Lago in Florida. Der Bürgermeister von Santa Fe hat Widerstand gegen Trumps Massenabschiebungen angekündigt. Die 70.000-Einwohner-Stadt in New Mexico lebt maßgeblich vom Tourismus, und 30 Prozent der illegalen Einwanderer in dem US-Bundesstaat arbeiten in der Branche.