DIE ZEIT: Der Islam und die Psychoanalyse wollten bisher nicht viel voneinander wissen. Warum ist das eigentlich so?

Fethi Benslama: Sigmund Freud hat sich für den Monotheismus im Judentum und im Christentum interessiert, aber auf den Islam ist er in seinem Werk nur am Rande eingegangen. Ich war gerade erst in Wien, um in Freuds Bibliothek nach Spuren einer Beschäftigung mit dem Islam zu suchen. Ich habe nichts von Bedeutung gefunden. Er spielte für Freud im Europa seiner Zeit einfach keine nennenswerte Rolle.

ZEIT: Und umgekehrt? Warum hat sich die muslimische Welt der Freudschen Seelenkunde verweigert?

Benslama: Die Psychoanalyse wirkte auf die muslimische Welt wie ein Weg in den Atheismus. Freud hielt den Glauben für eine illusionäre Konstruktion des kindlichen Menschen, in der Gott als Vaterfigur idealisiert wird, die Schutz geben soll. Im Islam aber wird Gott nicht als Vater gesehen, er ist fern, und die Menschen verstehen sich nicht als Gottes Kinder.

ZEIT: In Ihren Büchern nimmt die Psychoanalyse es mit dem Islam auf. Was hat Sie als praktizierenden Analytiker dazu bewegt, diese beiden einander so fernen geistigen Welten füreinander zu öffnen?

Benslama: Als der Islam sich mit der Moderne zu beschäftigen begann, habe ich begonnen, mich mit dem Islam zu befassen. Die Moderne bedeutet ja im Kern, alles dem Zweifel und der Kritik zu unterziehen, und eben davon handelte Salman Rushdies Roman Die Satanischen Verse, der 1988 herauskam und vom Revolutionsführer des Irans, dem Ajatollah Chomeini, mit einer Fatwa belegt wurde. Mein erstes Buch erschien, als die Debatte um Rushdies Satanische Verse entbrannte. Seither ist der radikale Islam nicht mehr von der Bildfläche der politischen Aktualität verschwunden. Das spiegelt sich in der Geschichte meiner muslimischen Patienten. Mich interessiert, wie ein Mensch in Wechselwirkung mit dem Kollektiv, mit der Religion, der politischen Realität steht.

ZEIT: Kommen diese Patienten freiwillig in Ihre Praxis? Aus Neugier? Aus Not?

Benslama: Ich habe im Norden von Paris, in der Banlieue von Saint-Denis, 15 Jahre lang im staatlichen Gesundheitsdienst eine öffentliche Sprechstunde gehabt, in der muslimische Jugendliche oder ihre Eltern Hilfe suchten. Manche kamen auf Anraten von Sozialarbeitern. Vielleicht ist es gut zu wissen, dass der Psychologe selbst Muslim ist. Aber wichtiger war sicher: Es gab keine finanzielle Barriere, die Hilfe war umsonst. In der Arbeit mit diesen Jugendlichen wurde mir klar: Die Psychoanalyse kann durch ihre klinischen Erkenntnisse Anhaltspunkte gewinnen, die andere Wissenschaften wie die Soziologie oder die politische Theorie nicht sehen, und das gilt besonders für die Radikalisierung junger Menschen, die bereit sind, sich selbst und andere im Dschihad zu töten.

ZEIT: Gibt es unter den Fällen, die Sie überschauen, ein typisches Muster?

Benslama: Nein. Die Kandidaten für den Dschihad kommen aus allen sozialen Schichten, Glaubensvarianten und Lebensformen. Wir wissen inzwischen aus empirischen Studien, dass die Radikalisierung nicht typisch ist für die Unterschicht und dass die Zahl der Frauen steigt. Aber das entscheidende Merkmal ist die Jugend, und darum geht es mir. Mehr als zwei Drittel der Radikalisierten sind junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. Sie stecken also in den Identitätskonflikten der Adoleszenz. Etwa 40 Prozent von ihnen weisen psychische Störungen auf.

ZEIT: Wie hängt seelisches Leid mit Radikalität zusammen?

Benslama: Diese Jugendlichen radikalisieren sich, um ihre Nöte zu heilen und die Symptome zu lindern. Andere Menschen trinken oder nehmen Drogen, um mit ihrem Leid zurechtzukommen. Der Islamismus erfüllt eine vergleichbare Funktion. Das erklärt auch, warum so viele der Radikalisierten Konvertiten sind. Die winzige Minderheit der Jugendlichen, die sich radikalisiert, wertet sich im Gefühl der eigenen Nichtigkeit durch die Ideale des Islamismus auf: miteinander einen gemeinsamen Körper zu bilden, in dem das eigene Leid verschwindet. Der Islamismus tritt als antipolitische Utopie auf, in der ein Einzelner sehr mächtig sein kann, wenn er sich mit dem Ziel der idealen religiösen Gemeinschaft identifiziert, die das Gegenbild zum weltlichen modernen Staat ist, in dem diese Jugendlichen leben.

ZEIT: Was gehört an dieser Verführbarkeit generell zur Phase der Adoleszenz, in allen Kulturen? Und was ist spezifisch für die muslimische Radikalisierung?

Benslama: Jeder Jugendliche, gleich welcher Kultur, lässt die Ideale der Kindheit hinter sich und wird ein anderer, indem er sich Ideale für sein Erwachsenenleben sucht und die eigene Identität neu zusammensetzt. In vielen muslimischen Einwandererfamilien, die in den europäischen Staaten kulturell und sozial kaum verwurzelt sind, ist das extrem schwierig. Die Verbindungen zur Tradition des Islams sind zerrissen, ohne dass bereits eine Zukunft zu greifen wäre. Die überbrachten Ideale sind brüchig, leer, unerreichbar.

ZEIT: Damit beschreiben Sie die "Krankheit des Islams", wie der Philosoph Abdelwahab Meddeb die muslimische Enttäuschung über den Verlust nannte, dass es vorbei ist mit der historischen Größe.

"Fast alle ertragen ihre inneren Spannungen"

Benslama: In der Brüchigkeit der Ideale liegt nicht nur ein privates Problem einzelner Subjekte, darin liegt auch eine objektive Wahrheit der muslimischen Welt, die sich an drei historischen Daten festmacht: Mit dem Ende des Osmanischen Reichs 1924 hat der Islam die politische Macht verloren, die er im Staatenkonzert hatte, und 1923 legte die ägyptische Feministin und Politikertochter Huda Sha’arawi den Schleier ab – ein Befreiungsschlag, der sich nicht nur ins weibliche kollektive Gedächtnis eingeprägt hat. Es ist kein Zufall, dass sich dann 1928 die erste islamistische Organisation, die Muslimbruderschaft, gegründet hat. Seit diesen Zäsuren fragt sich die muslimische Welt, was es heißt, ein Muslim zu sein, was es heißt, ein Mann, eine Frau zu sein. Diese Fragen sind historisch wirklich offen.

ZEIT: Der Islamismus bietet Jugendlichen in dieser Unsicherheit eine klare Identifikation?

Benslama: Ja, sie können durch Gewalt ihre ideale Gemeinschaft und die Welt retten! Er bietet ihnen auch einen besonderen Genuss: sich in der Allmacht, andere Menschen willkürlich töten zu können, großartig zu fühlen. Einzelne Täter können moderne Staaten und ihre Bürger in dauernde Angst und Alarmbereitschaft versetzen: was für eine Macht, nach all den Verlusten!

ZEIT: Die Wörter Begehren, Lust und Genuss kehren in Ihren Büchern immer wieder. Wie unterscheidet sich das Begehren, sich selbst und andere zu töten, den Körper also zu zerstören, von sexueller Lust?

Benslama: Der Genuss, Menschenleben durch Gewalt zu zerstören, ist etwas anderes als Lust. Die Lust löst die Spannungen in uns. Der Genuss der Grausamkeit und des Schmerzes ist ein Exzess, der darauf setzt, dass erst im Tod das wahre Leben entsteht, als reines Genießen.

ZEIT: So vergeht der sündige Körper, die menschliche Mängelware, und mit ihm vergeht die Schuld?

Benslama: Ja, dieser Genuss, im Namen der Religion zu töten, bedeutet auch eine Reinigung von Schuld. Schuld und Opfer sind im radikalen religiösen Diskurs nicht voneinander zu trennen. Aber man darf nie vergessen: Nur eine winzige Zahl von Jugendlichen wählt diesen Weg. Fast alle ertragen ihre inneren Spannungen. Und auch in der Sexualität spielt der politische Zusammenhang eine wichtige Rolle, von der zu wenig die Rede ist. In der traditionellen, zu 90 Prozent ländlichen muslimischen Welt, die bis vor 30 Jahren bestand, war das sexuelle Leben rechtlich gerahmt und geregelt: Mit etwa 15 Jahren heirateten die Frauen, mit 18 die Männer. Das hat sich innerhalb nur einer Generation radikal geändert. Heutige muslimische Jugendliche können plötzlich nicht mehr das sexuelle Leben ihrer Eltern und Großeltern führen. Die westliche Moderne hat die Adoleszenz durch Schule und Ausbildung über Jahre gedehnt. Für viele bedeutet das auch eine lange Zeit des Wartens. Es ist kein Zufall, dass die Pornografie unter Muslimen so viele Kunden hat.

ZEIT: Der sozial sichtbare, also unverschleierte weibliche Körper ist ein Leitmotiv Ihrer Bücher. Er ist gewissermaßen die verkörperte Moderne. Nun schreiben Sie, diese Weiblichkeit sei für Islamisten der Horror schlechthin, weil für sie Frauen nur als entsexualisierte Mütter denkbar sind. Sie erzählen von einer Fatwa zweier Imame im Mai 2007, die auf die Idee verfielen, künftig sollten Frauen ihren männlichen Arbeitskollegen im Büro am besten die Brust geben und sie stillen, fünfmal am Tag. So würde die Arbeitsbeziehung verlässlich entsexualisiert.

Benslama: Daran sieht man, wie sehr dieses Denken in Sackgassen landet. Es grassieren ja durch die neuen Medien überhaupt die vielfältigsten Fatwas, um der Sache Herr zu werden. Aber ich meine, das ist alles vergeblich. Der Vergleich mag hinken, aber eine Zahnpasta, die einmal aus der Tube entwichen ist, kriegen Sie nie wieder in die Tube hinein – es gibt auch einfach unumkehrbare soziale Tatsachen. Die weibliche Freiheit, über den eigenen Körper und die eigene Sexualität zu bestimmen, gehört dazu. Sie ist unwiderruflich in die Welt gekommen. Der Schleier ändert daran nichts.

ZEIT: Sie sprechen in Ihrem jüngsten Buch vom "Schreckgespenst des Übermuslims". Sein Feind sei der Westen samt weiblichem Körper, sein Feind sei aber auch der normale Muslim. Was genau ist gemeint?

Benslama: Mir fiel in den Gesprächen mit den Jugendlichen in meiner Praxis auf, dass sie darunter leiden, als Muslim nicht gut genug zu sein. Die Kränkung, dass der Islam keine machtvollen Imperien mehr stellt, wird in eine Überidentifikation mit der geschwächten Religion umgewandelt. Eine neue ultrareligiöse Macht soll deshalb entstehen, als eine Art Wiedergeburt, und sie verlangt das leidenschaftliche Opfer von Menschenleben. Nur so kann man sich von der Schuld reinigen, ein schlechter Muslim zu sein. Das Ideal des Übermuslims trifft gefährlich auf das fragile Selbstgefühl der Adoleszenz: Als Krieger können männliche Jugendliche eine klare Identität im Töten erfahren. Viele dieser jungen Männer nennen sich Abu, also Vater, obwohl sie keine Kinder haben. Sie zeugen sich als Abu gewissermaßen selbst, im Durchgang durch den Tod, nach Gottes Willen. Ihre biologischen Väter aber, die in den muslimischen Herkunftsgesellschaften noch soziale Autoritäten in großen Gruppen von Menschen waren, werden unterdessen in den Wohnungen der Banlieues zu abhängigen Kindern des französischen Sozial- und Rechtsstaats: ganz normale Muslime, individualisiert wider Willen. Es ist wirklich eine Revolution des politischen und religiösen Autoritätsgefüges, durch die viele Muslime Europas gehen.

ZEIT: Und wie stellt sich diese Revolution für die radikalisierten muslimischen Frauen dar, deren Fälle Sie kennen?

Benslama: Für diese jungen Frauen sieht das Opfer meist anders aus, sie wollen Kinder für den Dschihad und für die Utopie der künftigen idealen Gemeinschaft gebären. Sie wollen deshalb einen Mann finden, der heroisch zu sterben bereit ist. Einen Ritter. Diese Motivlage verquickt, mit romantischen Anleihen, die Sehnsucht, den Tod und die Liebe. Aber auch das ändert sich gerade: Inzwischen zieht es auch die Frauen mehr in den Kampf.

ZEIT: Welche Rolle spielt in dieser Identitätssuche die Tatsache, dass die Zahl der muslimischen Jugendlichen in kurzer Zeit exponentiell gestiegen ist, für das Selbstwertgefühl der jungen Leute?

"Rilke wurde mein Lieblingsdichter"

Benslama: Diese demografische Explosion kann in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden. In den vergangenen 30 Jahren, wieder innerhalb nur einer Generation, hat die muslimische Welt ein Bevölkerungswachstum erlebt, das alle herkömmlichen sozialen Strukturen gefährdet und die Einzelnen unversorgt und ohne Zukunftsaussichten alleinlässt. Das Bevölkerungswachstum, vor allem in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten, überfordert nicht nur die schwachen oder durch den Westen zerstörten Staaten, es überfordert auch die familiäre Solidarität. Hinzu kommt, dass die Modernisierung in rasendem Tempo die ländliche muslimische Welt verstädtert hat. Die muslimischen Länder haben alle eine demografische Katastrophe erlebt.

ZEIT: Nicht alle. Tunesien ist einen anderen Weg gegangen.

Benslama: Und zwar aufgrund politischer Entscheidungen. In den sechziger Jahren hatten Syrien und Tunesien noch etwa gleich viele Einwohner, nämlich fünf Millionen. Heute aber gibt es etwa doppelt so viele Syrer wie Tunesier. Der Grund ist einfach: In den sechziger Jahren hat Präsident Habib Bourguiba das Problem früh erkannt und dafür gesorgt, dass die Pille zugelassen und für jede Frau fast umsonst zu bekommen war. Außerdem hat er die Abtreibung erlaubt. Auch deshalb steht Tunesien mit seinen elf Millionen Einwohnern heute ein wenig hoffnungsvoller da als andere Staaten.

ZEIT: In Ihrem Buch begegnet man unverhofft Rilke mit seiner siebten Duineser Elegie: "Jede dumpfe Umkehr der Welt hat solche Enterbte / denen das Frühere nicht und noch nicht das Nächste gehört". Die heutigen Muslime, schreiben Sie, sind nun, mit Rilkes Wort, die "Enterbten" – nach der "Umkehr der Welt".

Benslama: Sie sind nicht die einzigen Enterbten. Es muss einen nicht trösten, aber viele Zivilisationen haben durchgemacht, was der Islam nun erlebt. Rilke öffnet einen spirituellen Raum, in dem die Enterbten verweilen können. Vielleicht gleicht er dem, was Paul Valéry le souvenir de l’avenir nennt, die Erinnerung an die Zukunft. Jedenfalls umfasst er die Möglichkeit der Befreiung. Sie ist wirklich möglich. Der Ausgang ist offen.

ZEIT: Wie kommen Sie denn als tunesischer Psychoanalytiker in Paris gerade auf Rilke? Wann ist er Ihnen begegnet?

Benslama: Als ich 18 Jahre alt war und noch in Tunesien lebte, schenkte mir jemand Rilkes Brief an einen jungen Dichter. Ich wollte wahrscheinlich selbst insgeheim Dichter werden, jedenfalls las ich das Buch und dann das übrige Werk Rilkes. Er wurde mein Lieblingsdichter und ist es geblieben.

Fethi Benslama: Der Übermuslim. A. d. Franz. v. M. Mager und M. Schmid; Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2017; 144 S., 18,– €