Früher wurden Informatikstudenten belächelt, heute ist die Wirtschaft auf sie angewiesen. In Deutschland ist IT aber festgefahren und unkreativ, sagt eine Professorin.

DIE ZEIT: Frau Ovtcharova, wenn es ums Thema Digitalisierung geht, sind die USA uns weit voraus. Ist die Informatik, Ihr Fach, schuld daran?

Jivka Ovtcharova: So einfach ist das nicht. Die Bedeutung des Fachs hat sich durch den digitalen Wandel sehr verändert. Vor ein paar Jahren wurden unsere Studenten noch als Nerds belächelt, jetzt ist die Wirtschaft stark von unseren Erkenntnisse abhängig, um international mithalten zu können.

ZEIT: Diese Erkenntnisse müssten 1.700 deutsche IT-Studiengänge doch liefern können.

Ovtcharova: Unsere Forschung ist festgefahren. Wir experimentieren zu wenig, uns fehlen kreative Strukturen. Was wir dringend brauchen, ist spielerisches Sandkastendenken – Laboratorien, in denen Softwareentwickler und Kunden aus der Industrie zusammenkommen, um neue Systeme unter realistischen Bedingungen auszuprobieren. Außerdem gibt es in Deutschland zu wenig Mut zur Disruption. Manchmal braucht es die komplette Umstrukturierung oder Zerschlagung bestehender Geschäftsmodelle und Märkte. Wir kleben hierzulande zu sehr an Vorschriften und Vorgehensweisen.

ZEIT: Kooperieren die Unternehmen nicht mit den Wissenschaftlern?

Ovtcharova: Der Dialog ist da, wir arbeiten auch zusammen. Aber wir schaffen es zu selten, Ideen in der Praxis umzusetzen. Wir entwickeln zum Beispiel seit Jahren das PolyVR, ein Open-Source-Softwarebaukastensystem für Anwendungen der virtuellen Realität im Ingenieurbereich. Aber in der Industrie hat es sich noch nicht durchgesetzt.

ZEIT: Woran hapert es?

Ovtcharova: Um das System für Unternehmen interessant zu machen, müssten sie mit ihren Daten zu uns kommen. Doch es ist unheimlich schwer, da ranzukommen. Meistens scheitert es an Formalitäten, etwa an vertraglichen Geheimhaltungserklärungen. Die Amerikaner sind da lockerer und haben viel schnellere Umsetzungszyklen als wir.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

ZEIT: Daten zu schützen klingt erst mal sinnvoll.

Ovtcharova: Selbstverständlich ist Datenschutz ein wichtiges Thema. Aber wir denken hier oft schon über Schutzmechanismen nach, bevor wir richtig losgelegt haben. Das ist extrem innovationshemmend. Wir verlieren dabei Zeit, und andere überholen uns. Wir schützen uns oft zu Tode.

ZEIT: Gibt es Bereiche, in denen die Deutschen den Amerikanern voraus sind?

Ovtcharova: Tatsächlich sind wir sehr weit, wenn es um IT-Sicherheit geht – das ist die positive Seite unserer Skepsis beim Thema Daten. Auch im Bereich autonomes Fahren muss niemand mehr in die USA reisen, um zu forschen. Derzeit entstehen auf der A 9 in Bayern und Baden-Württemberg Teststrecken zur Erprobung autonom fahrender Fahrzeuge.

ZEIT: Und wo hinkt Deutschland hinterher?

Ovtcharova: Bei der Virtual Reality, dabei wird sie immer wichtiger, etwa in der Medizin oder Bildung. Das ist ärgerlich, denn vor 20 Jahren waren wir bei der dreidimensionalen Computergrafik sehr weit. Wir haben es nicht geschafft, die universitäre Forschung kommerziell weiterzuentwickeln.

ZEIT: Bilden wir zu wenig Informatiker aus? Laut Branchenverband Bitkom gibt es derzeit rund 50.000 offene IT-Stellen.

Ovtcharova: Das Problem liegt nicht in der Anzahl der Studierenden, sondern darin, dass viele dieser offenen Stellen eine praxisbezogene Ausrichtung haben. Unsere Informatikstudiengänge sind aber oft theoretisch angelegt. Diese Lücke zwischen den Curricula und den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts müssen wir schließen. Je mehr die Digitalisierung voranschreitet, umso mehr Arbeitsplätze gehen verloren. Doch dafür entstehen andere, neue Berufsbilder, die wir im Blick haben müssen. Wir bräuchten auch mehr interdisziplinäre Studiengänge, die auf diese neuen Berufe ausgerichtet sind.

ZEIT: Viele Informatikstudenten schaffen es nicht bis zum Abschluss. Warum?

Ovtcharova: Vor zwei Jahren habe ich im Silicon Valley deutsche Softwarespezialisten kennengelernt, die das Studium hier abgebrochen haben, um zu Google und anderen Konzernen zu gehen. Das ist ärgerlich, denn offenbar haben wir diese jungen Talente. Denen müssen wir mehr bieten. Die Amerikaner mögen schneller sein – dafür sind wir gründlicher. In der Region rund um Darmstadt, Kaiserslautern, Karlsruhe, Saarbrücken und Walldorf arbeiten mehr als 100.000 Beschäftigte in über 11.000 Softwareunternehmen. Das ist Europas Silicon Valley für Unternehmenssoftware.