In den Jazz kam die Gitarre spät. Erst als Charlie Christian 1939 seine Gibson in einen Verstärker stöpselte, wurde sie ein vollwertiges Instrument, eines, das Dampf machen kann, knackige Patterns über komplexe Rhythmen legen, Harmonien in ihre Einzeltöne zerteilen. Damals war der Jazz schon erwachsen: Auf der Bühne stand ein Klavier und füllte alle Lücken, kaum Platz für die Gitarre. Wenn sie ihn fand, gab es Zwischenhochs: Django Reinhardts Jazz Manouche, den Funk-Jazz mit den Hammond-Gitarren-Trios, schließlich den Rockjazz, der sich bald verzweigte. Ein Ast führte in die Muckibude der Hochgeschwindigkeitsgitarreros, ein anderer direkt in das laue Cremebad Fusion.

Mittlerweile hat sich im Jazz vieles geändert. In den letzten Monaten sind etliche Platten erschienen, in denen Gitarren im Mittelpunkt stehen. Das Feld umfasst Veteranen und Newcomer, Rocker und Individualisten, Klangästheten und Freunde des Straßenstaubs, Musiker aus der Kernregion und solche von den Rändern.

Sowohl John Abercrombie als auch Ralph Towner sind Veteranen des zeitgenössischen Jazz. Mitte der siebziger Jahre traten sie ins Rampenlicht, wo sie mit ihren sehr eigenen Spielhaltungen den Gitarrenklang neu bestimmten. Ihre harmonischen Konzepte sprengten die einfache Akkordskalen-Grammatik der Lehrbücher. Sie widmeten sich der ruhigen, konzentrierten Interaktion, in welcher die Grenzen zwischen Improvisation und Komposition verschwimmen. Weder Up and Coming, die aktuelle CD des John Abercrombie Quartet, noch My Foolish Heart, Ralph Towners rein akustische Solo-CD, versucht sich am Umsturz. Der Reiz dieser Musik besteht in der Zartheit, mit der sich der warme Ton von Abercrombies E-Gitarre an den Klang des Klaviers schmiegt. Oder auch darin, wie Towner auf den Stahlsaiten seiner zwölfsaitigen Gitarre Geisterwelten zum Schwingen bringt.

An einem anderen Ende des Jazz setzt das Trio Harriet Tubman um den Gitarristen Brandon Ross an. Entstanden vor gut 20 Jahren im Umfeld afroamerikanischer Musiker, geht es hier um eine elektrifizierte, improvisierte Musik mit Verzerrung, Schmutz, Düsternis und unerlöster Wut. Auf Araminta hat sich das Trio den Trompeter Wadada Leo Smith an die Seite gestellt, der die innere Balance des Ensembles zur Improvisation hin verschiebt.

Andere Gitarristen wenden sich geografisch weit entfernten Regionen zu: Brasilien beispielsweise, das Kurt Rosenwinkel auf Caipi als windstille Oase des Plätscherns in den Fokus rückt. Der in Paris als Sohn vietnamesischer Migranten geborene Nguyên Lê beschwört auf seinem Album Hà Nôi Duo die melodischen Welten Südostasiens. Lê zieht so lange so viele Register seiner elektronisch hochgerüsteten Gitarren, bis die fragilen asiatischen Momente unter den hämmernden Beats und zuckrigen Sounds des popindustriellen Westens endgültig begraben sind. So wird kultureller Austausch zur Unterwerfung.

Näher am Zentrum des zeitgenössischen Jazz operieren einige Gitarristen aus dem deutschsprachigen Raum. Sowohl der 1975 in Kiel geborene Arne Jansen wie auch der Wuppertaler Gitarrist Hanno Busch machen sich in Trio-Formationen auf die Suche nach dem verlorenen Jazzrock. Jansen huldigt auf Nine Firmaments der heiligen Melodie, während Busch sich mit schillerndem Groove austobt.

Die Linien von Frank Möbus im Trio Azul sind deutlich kühler, analytischer und zwingender. Möbus ist niemand, der einer plötzlichen Eingebung verfiele oder gar in Melodien schwelgte. Seine Intensität setzt eher auf das Rasiermesser und auf die Art von Witz, die aus gedanklicher Schärfe entsteht. Der Vierte im Bunde, Wolfgang Muthspiel aus Österreich, schöpft auf Rising Grace aus dem Vollen: Muthspiel ist sozusagen ein kompletter Gitarrist, der in seinem Spiel Herzenswärme mit kühlem Verstand kontrastiert und Experimentierfreude mit Formwillen.