Während seiner Abschiedsrede im Schloss Bellevue hat Bundespräsident Joachim Gauck eigentlich nur einmal eine wirkliche Geschichte erzählt. Aber ziemlich, nun ja, staatstragend. Eine Bekannte habe ihm neulich berichtet, dass sie abends zu Hause noch einmal in ihr Bücherregal gegriffen, dort unser Grundgesetz gefunden und schließlich ganz entzückt darin gelesen habe. So wunderbar modern sei es ihr erschienen, und sie habe sich, darauf wollte Gauck hinaus, plötzlich ganz zugehörig gefühlt.

Bundespräsident - Großer Zapfenstreich zum Abschied von Joachim Gauck Bundespräsident Joachim Gauck ist am Freitag mit einem Großen Zapfenstreich aus dem Amt verabschiedet worden. Am Sonntag übernimmt sein Nachfolger Frank-Walter Steinmeier. © Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Zugehörigkeit ist ein schönes Wort, fand Gauck. Das stimmt. Dennoch könnte man sagen, dass es ihm daran ein wenig gefehlt hat. Das war vor seiner Amtszeit so, und das hat sich während der vergangenen fünf Jahre im Grunde auch nicht geändert. Merkwürdigerweise konnten gerade viele Westdeutsche an Gauck finden, dass er ihnen aus der Seele spreche. Und viele Ostdeutsche fremdelten mit ihm.

Als der damals 72-jährige Gauck ins Amt gewählt wurde, ging das nicht ganz geräuschlos ab. Einerseits meldeten sich ehemalige DDR-Bürgerrechtler und warfen ihm vor, seine eigene Widerstandsgeschichte vor 1989 geschönt zu haben. In Wahrheit habe er zu keinem Zeitpunkt den geschützten Raum der Kirche verlassen und war nie in Opposition zum Staat gegangen. Andererseits wurden Zweifel im linksliberalen Lager, die ihn ja mitgewählt hatten, laut, ob er nicht eigentlich im Kern doch ein Konservativer, also ein Bewahrer sei.

Gauck hat sich dann in seiner Amtszeit Mühe gegeben, es seinen Kritikern recht zu machen. Als der kantige Oppositionelle hat er sich nicht mehr inszeniert, auch hat er Anti-Globalisierungs-Bewegungen nicht mehr als "albern" bezeichnet. Dennoch, Zugehörigkeit gestand er letztlich oft nur jenen wirklich zu, die sich selbst schon als zugehörig erklärten und empfanden. Den anderen aber, die sich abseits hielten, die Kritik "am besten, am demokratischsten Deutschland, das wir je hatten", äußerten, wie er auch zum Schluss noch einmal sagte, warf er wie ein Pfarrer immer wieder vor, vom rechten Weg des Glaubens an die Demokratie abgekommen zu sein. In einer Zeit, die wie unsere in immer schnelleren Takten den Krisen zugeneigt ist, kann man das mit einem gewissen Respekt als hartnäckig bezeichnen. Aber war es auch integrativ? Zugehörigkeit als Angebot entstand so gerade nicht. Gauck fiel es schwer, diejenigen im Osten anzusprechen, die sich zu AfD und Pegida hingezogen fühlen. Aber wäre nicht das eine Herausforderung gewesen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 12 vom 16.3.2017. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Auch in seiner großen Liebe zur Freiheit, die er immer wieder betont und beschrieben hat, in der er sich verlieren konnte wie kein Zweiter und die durchaus auch Momente der Rührung entstehen ließ, konnten ihm ausgerechnet viele Ostdeutsche nicht folgen. Diejenigen, die ihre Mühen mit der Freiheit hatten, die Zumutungen empfanden, die in manchen Momenten ihren Glauben verloren, um im Bild zu bleiben, für sie war es schwer, Gauck zu folgen. Die alte Bundesrepublik wird in Gaucks Reden als ein Demokratiewunder eingebaut und gepriesen. Gauck sah sich dem wohl als Bundespräsident verpflichtet.

Aber diese innere Verpflichtung ging weit. Und so mag es auch nicht überraschen, dass Gauck, als er einmal gefragt wurde, ob er sich als Ostdeutscher empfinde, das eher verneinte. "Im Gemüt bin ich sicher Ostdeutscher, im Kopf nicht", sagte er damals. Und das hieß für ihn, "mit all meinen Überzeugungen westlichen Werten verpflichtet" zu sein, dem "Reich der Freiheit" anzugehören. Aber wäre das nicht auch mit einem ostdeutschen Kopf zu denken gewesen, könnte man das nicht auch den Ostdeutschen zugestehen oder wenigstens antragen, vielmehr ans Herz legen?

Das fragt man sich.

Joachim Gauck hat dem Amt in einer schwierigen Zeit Würde zurückgegeben. Wenn man aber sagen müsste, was aus ostdeutscher Sicht fehlte: Als erster Ost-Bundespräsident hätte Gauck sich noch stärker in der Verantwortung sehen können, die Geschichte der beiden deutschen Staaten vor dem Mauerfall in ihrer Einflussnahme und ihrer Bedingtheit zu erzählen, anstatt sie nur in der Abgrenzung voneinander zu beschreiben. Es hätte der Beginn einer gemeinsamen historischen Herkunftserzählung sein können.