DIE ZEIT: Frau Jurczyk, Sie fordern eine radikale Umkehr in der Familien- und Arbeitsmarktpolitik. Was läuft falsch?

Karin Jurczyk: Wir stecken in einer schweren Sorgekrise. Menschen, die zu Hause wichtige Sorgearbeit leisten – kleine Kinder betreuen, kranke oder alte Angehörige pflegen –, erfahren in unserer Gesellschaft kaum Anerkennung. Im Gegenteil: Wer sich jenseits der Norm eines kontinuierlichen Erwerbslebens um andere kümmert, wird diskriminiert. Meistens trifft das Frauen. Ihr Einkommen verringert sich, die Karrierechancen schwinden, die Rentenansprüche sinken. Dabei würde unsere Gesellschaft ohne das, was diese Menschen leisten, überhaupt nicht funktionieren.

ZEIT: Man könnte die Betreuung von Kindern und Alten noch stärker an Erzieher und Pfleger auslagern als heute. Dann hätte niemand Nachteile im Job.

Jurczyk: Wollen wir das? In einer sorgenden Gesellschaft sollte der Einzelne entscheiden können, ob er sich selbst um seine Lieben kümmert oder zu welchen Teilen er diese Aufgaben an professionelle Helfer abgibt.

ZEIT: Mit dem Elterngeld oder der Pflegezeit unterstützt der Staat doch Menschen in anspruchsvollen Lebensphasen.

Jurczyk: Das sind bloß Notoperationen an einem todgeweihten Organismus. Diese Einzelleistungen reduzieren Sorgearbeit auf ganz bestimmte Zeiten im Leben. Das Elterngeld wird maximal 14 Monate gezahlt, als ob Kleinkinder danach keine Arbeit mehr machen würden. Die Eltern aber sollen anschließend bitte schnell und möglichst in Vollzeit in den Job zurückkehren. So landen sie in der berüchtigten Rushhour des Lebens, in der sie eine Familie gründen, beruflich vorankommen und das Einkommen sichern sollen. Es ist absurd, dass wir, obwohl wir immer älter werden, alles in das Alter zwischen 30 und 45 hineinpressen, um dann mit 60 so erschöpft zu sein, dass wir nicht länger arbeiten können. Wir müssen die Lebensläufe entzerren!

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Jurczyk: Die lückenlose, vollzeitige Erwerbsarbeit ist in unserer Arbeitswelt immer noch das Maß der Dinge. Wer eine Auszeit vom Job nimmt, muss sich rechtfertigen. Diese Norm müssen wir umkehren. Mein Kollege, der Rechts- und Politikwissenschaftler Ulrich Mückenberger, und ich schlagen ein Konzept der "atmenden Lebensläufe" vor. Die Idee ist, dass es für Frauen – genau wie für Männer – selbstverständlich wird, zu gesellschaftlich relevanten Zwecken die Erwerbsarbeit zu unterbrechen oder die Arbeitszeit zu reduzieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

ZEIT: Wie könnte so ein atmender Lebenslauf aussehen?

Jurczyk: Eine Möglichkeit wäre, dass jeder Arbeitnehmer im Laufe seines Erwerbslebens über ein Zeitkonto von etwa fünf bis acht Jahren verfügt, die er einsetzen kann, um den Job zu unterbrechen oder seine Arbeitszeit zu verringern. Durch ein solches Zeitbudget hätte er in manchen Lebensphasen, die er frei wählen dürfte, mehr Zeit und Energie für andere Tätigkeiten, also auch für ein Ehrenamt oder eine Weiterbildung. Wir nennen das selbstbestimmte Optionszeiten.