Es gibt ein Sprichwort im Arabischen, sagt Akef Smeirat, "Al-Ghaya tbarrar al-wasile": Der Zweck heiligt die Mittel. Nach dieser Methode, glaubt er, verfahren die Islamisten in Jordanien: "Unter Druck geben sie sich harmlos, doch sobald sie an der Macht sind, zwingen sie anderen ihren Willen auf." Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein jordanischer Christ wie Smeirat so denkt. Ungewöhnlich ist, dass Smeirat unlängst eine politische Allianz mit einer islamistischen Partei eingegangen ist, der "Islamic Action Front", kurz IAF.

Die IAF ist der politische Arm der jordanischen Muslimbruderschaft. Die vorigen zwei Parlamentswahlen hatte die Partei aus Protest gegen angeblich unfaire Wahlbedingungen boykottiert; im vergangenen September jedoch trat sie an, unter dem Banner der "Nationalen Allianz für Reform", einem neuen Bündnis aus Islamisten und unabhängigen Kandidaten, darunter vier Christen. Zwar gewann keiner der Christen einen der 15 Sitze, die die Allianz errang. Doch allein die Tatsache, dass Christen und Islamisten gemeinsam antraten, hat Erstaunen und Spekulationen ausgelöst. Manche Beobachter sehen darin eine neue Offenheit aufseiten der Islamisten; andere argwöhnen, dass die IAF die bunte Allianz – neben den Christen standen immerhin 22 Frauen auf einer Liste von 122 Kandidaten – nur als Fassade nutzt, hinter der sie ihre Agenda zur Islamisierung des Staates verfolgt. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieser Geschichte, dass Smeirat, Mitglied der Koalition, zugleich auf der Seite der Skeptiker steht.

Akef Smeirat, 60 Jahre alt, führt eine kleine Firma für Solartechnik im Nordwesten Ammans, unweit des Parlaments. Smeirat, hellgrauer Schnurrbart, dunkelgrauer Anzug, sitzt in der hallenartigen Lobby und lässt sich von einem Mitarbeiter süßen Tee im Porzellantässchen servieren. "Das Parlament wird von Leuten bestimmt, die Gesetze verdrehen, um sich zu bereichern", sagt er. "Korruption schadet uns allen. Ich wollte etwas verändern."

Ihm gefiel, dass die IAF wirtschaftliche Themen in den Vordergrund stellte: den Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Korruption. "Jordanien hat fast zehn Millionen Einwohner, bald werden es 15 sein, zugleich geht es wirtschaftlich bergab. Wenn sich nichts tut, ist der Zusammenbruch unvermeidlich." Sein Bündnis mit der IAF beschreibt er als reine Zweckgemeinschaft. "Wenn sie Gesetze gegen Christen eingebracht hätten, hätte ich dagegengestimmt." Dennoch musste er für seine Kandidatur Kritik einstecken, auch aus der Familie; 80 Prozent seiner Verwandten, schätzt Smeirat, hätten nicht für ihn gestimmt.

Nur etwa vier Prozent der Jordanier sind Christen. Ihr Bevölkerungsanteil sinkt seit Jahrzehnten; verhältnismäßig viele wandern aus, zugleich sind muslimische Familien tendenziell kinderreicher. Zwar gewährt der Staat den Christen Religionsfreiheit und reserviert ihnen neun Sitze im Parlament. Doch Aufstieg der IS-Terroristen, Attacken gegen Minderheiten in der Region und islamistische Umtriebe in Jordanien selbst machen viele Christen nervös. Manche geben zu, dass sie einen säkularen Herrscher, und sei er autoritär, einer islamistischen Führung vorziehen würden.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Es gibt jedoch auch Christen, die einen anderen Schluss aus der Lage ziehen: Die Christen, argumentiert diese Fraktion, sollten sich mit moderaten Islamisten wie den Muslimbrüdern verbünden, um sich vor radikaleren Gruppen zu schützen. Diese Haltung vertritt Audeh Quawas, 66, der prominenteste der vier Christen auf der Liste der Allianz. Von 2003 bis 2007 saß er bereits im Parlament, damals als Unabhängiger. Hauptberuflich arbeitet er als Chirurg, zudem sitzt er im Zentralkomitee des Weltkirchenrats. Sein Haus steht in einer ruhigen Straße in Nord-Amman. Quawas, ein herzlicher Gastgeber und jovialer Gesprächspartner, schlägt gern weite rhetorische Bögen, seine Ausdrucksweise ist geschliffen von Jahren in exponierten Ämtern. "Ich bin überzeugt, dass die Kooperation mit der IAF der beste Weg ist, um die christliche Präsenz in dieser Region zu untermauern", sagt er. "Die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen könnten sich dadurch erheblich verbessern."

Er gibt zu, dass Kompromisse nötig sind: "Ein säkularer Staat mit ziviler Heirat oder muslimisch-christlichen Ehen ist mit der IAF nicht zu machen." Er wäre einverstanden, der Scharia, die schon Jordaniens Familienrecht prägt, größeren Raum zu geben, solange die Christen ihre eigenen religiösen Gerichte unterhalten. "Ich habe kein Problem mit einer islamistischen Partei", versichert er. "Ich muss mit Islamisten zusammenarbeiten, um ihnen die islamistischen Themen auszureden." Eine Taktik, die sich am besten mit einem englischen Sprichwort beschreiben lässt: "If you cannot beat them, join them" – Wenn du sie nicht besiegen kannst, schließe dich ihnen an. Quawas will sich auch in Zukunft für die Allianz engagieren.

Doch das Misstrauen gegenüber den Islamisten sitzt tief. Es ist spürbar am Dreikönigsfest, nach orthodoxer Zeitrechnung Ende Januar, als Hunderte orthodoxer Christen zum Jordanfluss fahren, an jene Stelle, an der einst Jesus getauft worden sein soll. In einer Kirche am Flussufer drängen sich die Gläubigen dicht an dicht; draußen sitzen Freunde und Familien auf Plastikstühlen zusammen, packen Pitabrote aus, rauchen und plaudern. Neben Tratsch und Freundlichkeiten werden gelegentlich auch Berichte von Einschüchterungen durch Islamisten ausgetauscht. Wenige der Angereisten mögen an die Heilskraft der neuen Allianz glauben: Männer wie Quawas hätten bloß das dicke Abgeordnetengehalt im Auge, spottet eine der Anwesenden. "Die Muslimbrüder wollen zeigen, dass sie offen für andere sind", sagt Sahar Haddadin, eine Ärztin, "aber in Wahrheit akzeptieren sie Christen nicht."

Nicht nur Christen, auch viele liberale Muslime zweifeln an der sauberen Unterscheidung zwischen moderaten Muslimbrüdern und Dschihadisten. Das liegt auch an der wechselhaften und vielschichtigen Geschichte der Bruderschaft, die durchaus verschiedene Schlussfolgerungen zulässt.