Die beiden Lokalpolitiker wirken nicht gerade wie Rivalen. Alexander Spritzendorfer und Heribert Rahdjian haben es sich im Café Hummel in der Josefstädter Straße bequem gemacht und fachsimpeln über ihren Bezirk. Es sprudelt aus ihnen heraus, ein Wort ergibt das andere. Zwei alte Kumpel, die sich gegenseitig die Stichworte zuwerfen. Aber es ist ja auch eine eigentümliche Rivalität zwischen Spritzendorfer, dem grünen Vize-Bezirksvorsteher der Josefstadt, und Heribert Rahdjian. Zusammen wären sie, könnte man sagen, hier Bezirksvorsteher. Aber eben nur einer der beiden. Und deshalb ist keiner von ihnen Bezirksvorsteher.

Rahdjian ist jetzt 81 Jahre alt, fährt aber noch alle Wege mit dem Fahrrad, außer wenn er zu Fuß durch den Bezirk schlendert. Er schüttelt Hände, grüßt durchs Lokal – "Guten Tag, Herr Hummel" –, wechselt ein paar Worte mit einer älteren Dame, die gerade auf den Hund ihrer Nachbarin aufpasst, und kennt auch den freundlichen Herrn aus Rumänien, der vor dem Supermarkt seine Zeitungen anbietet. "Das ist der Konstantin, den mögen hier alle."

Noch in der Ersten Republik wurde der Hotelierssohn Rahdjian in der Josefstadt geboren. Sein Leben lang arbeitete er auch als Hotelbetreiber hier. "Niemand kennt den Bezirk so wie der Heribert", sagt Spritzendorfer. "Jedes Haus und jeden Menschen. Weißt du, Heribert", fragt Spritzendorfer, "dass da hinten der Karl Seitz gewohnt hat, nachdem er nach 1945 zurückgekommen ist?"

"Na sicher", erwidert Rahdjian, "ich kann mich noch erinnern, wie 150.000 Leute den legendären Bürgermeister Seitz empfangen haben, als er aus dem KZ zurückkam." Neun Jahre war Rahdjian damals, und er war schon dabei. Wie bei den meisten Dingen, die sich seither im Bezirk ereignet haben.

Rahdjian ist so etwas wie ein Josefstädter Original, vielleicht auch deshalb, weil er den Identitätswandel der Josefstadt verkörpert. Der Unternehmer, ein urbaner Bürgerlicher, hatte sich in den achtziger Jahren in der Volkspartei engagiert, war einer von Erhard Buseks bunten Vögeln. Als die ÖVP dann irgendwann nicht mehr bunt war, sondern rabenschwarz wurde, war für Rahdjian kein Platz mehr in der Bürgerpartei, der das Bürgertum verloren gegangen war. Und so dockte Rahdjian bei den Grünen an. 2005 machte der bunte Schwarze, der zu einem Grünen geworden war, die Ökopartei zur stärksten Kraft und wurde Bezirksvorsteher. Bis er sich mit den Grünen überwarf und seine eigene Liste gründete. Mit seiner Einmannfraktion Echt Josefstadt sitzt er weiterhin in der Bezirksvertretung. Was wohl auch damit zu tun hat, dass die Grünen nicht so genau wissen, ob sie eigentlich nicht doch bürgerlich sind. Und vielleicht ist das auch die Geschichte, die in diesen Bezirk passt. Die Josefstadt, das ist ein zutiefst bürgerlicher Bezirk, in einer Zeit, in der man nicht mehr so genau weiß, was man unter bürgerlich verstehen soll.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Denn kaum etwas kommt auf heute derart schwankendem Boden zu liegen wie die Bürgerlichkeit. Will man sich mit ihr beschäftigen, stößt man auf ein Labyrinth irritierender Themenblöcke: "Bürgerlichkeit im Wandel", lauten die, "neue Bürgerlichkeit", "Ende der Bürgerlichkeit" oder "Bürgertum nach dem bürgerlichen Zeitalter".

"Das ist ein Bezirk der Extreme", sagt Spritzendorfer. "Wir haben die größte Haftanstalt, die meisten Gerichte, den geringsten Anteil an Grünflächen, sind einer der am dichtesten besiedelten Bezirke. Und der kleinste Bezirk sowieso. Absurd, dass die Josefstadt das Wort Stadt im Namen hat und Floridsdorf das Wort Dorf. Es sollte doch umgekehrt sein."

Ein wenig hat dieses Stadtdorf etwas von einem belebten Museum. Nirgendwo gibt es so viele Burschenschafterlokale wie in diesem universitätsnahen Rayon, das rührt noch aus der Zeit der bürgerlichen Revolution von 1948. Kaum wo gibt es auch so intakte Ensembles aus Barock-, Biedermeier-, und Gründerzeithäusern. Halbe Straßenzeilen sind geprägt von den zweistöckigen Bauten, die hier schon seit zwei-, dreihundert Jahren stehen. Generationen von Schriftstellern und Künstlern haben hier gewohnt. Ödön von Horvath nahm dieses Viertel als Vorlage für das abgründige Wien, in dem seine Geschichten aus dem Wienerwald angesiedelt sind. Großbürgertum und Boheme wohnten hier früher nebeneinander. Das blieb so bis in die achtziger Jahre, als noch die Hofratswitwen hier ihre Hunde ausführten und die rebellisch-romantischen Gymnasiasten in idyllischen Schmuddelcafés ihre Joints rauchten und Hausbesetzungen ausheckten.

Genau dieser Flair verleitete vor einigen Jahren den ORF dazu, eine Art Bobo-Seifenoper über das WG-Leben der aufsässigen Bürgerkinder zu versuchen. Die Fernsehleute missverstanden allerdings gründlich, welche Ingredienzien für diese Form der dörflichen Urbanität verantwortlich sind. Der fulminante Flop Mitten im 8ten scheiterte schon nach zwölf Wochen.