Dieser Ort liegt so unscheinbar zwischen den Bäumen von Volksdorf, als wolle er sich verstecken vor der Welt. Eine alte Villa mit Originalausstattung, mit gusseisernen Heizkörpern und einer Klospülung, die per Kette funktioniert, weil das Geld zur Renovierung fehlte. Man könnte hier ohne Weiteres einen Film drehen, der in den zwanziger Jahren spielt. Neben der Villa steht ein schmuckloser Anbau, in dem bisweilen kleine Wunder geschehen. Wunder, die Namen tragen: Cora und Sebastian. Fabian und Sina.

Es gibt Neuigkeiten von Cora. Sie bekam bei ihrer Geburt zu wenig Sauerstoff. Heute ist sie fünf, liegt im Rollstuhl, ihr Körper sackt ständig weg, sie kann ihren Kopf nicht halten und nicht allein essen, ernährt wird sie per Spritze durch eine Magensonde. Coras Betreuer füllen ihr trotzdem jeden Tag ein wenig Joghurt in den Mund. Damit sie den Geschmack erlebt. Und jetzt hat sie zum ersten Mal ein Löffelchen davon geschluckt. Ein Löffelchen Joghurt. "Sie ist stolz wie Bolle", sagt eine Betreuerin.

Im Erlenbusch leben schwerst mehrfachbehinderte Kinder, "die vor 20 Jahren noch gestorben wären", sagt Susanne Okroy, die Leiterin. Frühchen, die mit 600 Gramm auf die Welt kamen. Babys, die nach dem plötzlichen Kindstot reanimiert wurden. Auch Kinder mit Gendefekten, aber das sind seltenere Fälle.

41 Kinder sind es gerade. Susanne Okroy sagt, sie habe Anfragen für doppelt so viele. Manchmal rufen Familien an, die sich aufgeopfert haben und nicht mehr können, die sagen, dass sie am Ende sind. Okroy muss ihnen absagen. Es gibt zu wenig Plätze für die Hilflosesten in der Stadt. Sie will das ändern. Aber sie hätte nicht gedacht, dass das so schwer ist. Und dass es so lange dauert.

Es gibt Neuigkeiten von Sebastian. Er ist 15 Jahre alt, sitzt im maßgefertigten Rollstuhl wie fast alle hier, und hat die Mundmotorik eines Babys, auch er kann Nahrung nicht kauen, schon das Schlucken strengt ihn sehr an. Aber im Kopf kann er alles. Vor Kurzem ließ er seine Betreuerin einen Brief an die Leiterin aufsetzen: Er würde gerne umziehen, in ein Einzelzimmer, wo er es ruhiger hat. Sie haben ihm im Erdgeschoss den Pausenraum der Erzieher freigeräumt, gerade wurde er in seiner Lieblingsfarbe gestrichen. Hellgrün. Vor wenigen Tagen ist Sebastian eingezogen, erst einmal auf Probe.

"Wir betrachten unsere Kinder nicht als krank", sagt Okroy. "Unsere Kinder haben Kompetenzen und lernen immer den für sie möglichen nächsten Schritt." Das Ziel ist nicht, dass die Kinder sich bald ihren Pulli allein anziehen. Es lautet, dass sie es eines Tages vielleicht schaffen, den Arm auszustrecken. 70 Erzieherinnen, Krankenschwestern und Therapeuten arbeiten hier. Und wenn ein Kind lieber seine Ruhe möchte, bekommt es sie.

Kein Wunder, dass die Plätze so begehrt sind. Doch selbst wer es geschafft hat, wie Sebastian, hat bald ein Problem. Denn der Erlenbusch ist nur für Kinder und Jugendliche. Sobald Sebastian seine Schulzeit beendet hat, muss er gehen.

Dann müssen seine Eltern das fast Unmögliche versuchen: einen Ort für ihn zu finden, wo er weiterhin ähnlich gut gefördert wird. "Es gibt weder genügend Wohnangebote noch genügend Plätze in der Tagesförderung", sagt Okroy. "Die wenigen Plätze sind alle besetzt."

Immer wieder greift sie zum Telefon und versucht, einen Folgeplatz für ihre Kinder in Hamburg zu finden. Immer wieder bekommt sie nur Absagen.

Sobald die jungen Erwachsenen den Erlenbusch verlassen müssen, beginnt das Drama: Eine junge Frau musste nach Schleswig umziehen, obwohl ihre Mutter kein Auto besitzt und in Pinneberg wohnt, eine endlose Zugreise entfernt. Eine andere junge Frau habe mangels Alternativen in ein Heim in Schleswig-Holstein umziehen müssen, das für Menschen mit ihrer Behinderung nicht geeignet sei, erzählt Okroy, und wo sie jetzt den ganzen Tag über mit Psychopharmaka ruhiggestellt werde.

Wenn diese jungen Menschen an den falschen Ort kommen, dann verlernen sie das wenige, was sie sich in vielen Jahren erarbeitet haben.

Also beschloss der Erlenbusch zu handeln. Er gehört zur Martha-Stiftung, die als Teil der Diakonie viele Heime, Pflegedienste und Beratungsstellen in Hamburg betreibt. Im Jahr 2010 entschied sie, einen zweistöckigen Neubau zu errichten. 16 Zimmer für junge Erwachsene, gleich neben der Villa, wo heute noch das verlassene Personalhaus steht. Ein jahrelanger Kampf begann, in dem die Hamburger Bürokratie richtig zur Hochform auflief.

Es gibt Neuigkeiten von Fabian. Als er auf die Welt kam mit einem sogenannten Wasserkopf und einer großen Gaumenspalte, machten die Ärzte seiner Familie wenig Hoffnung. Er werde sein viertes Lebensjahr nicht erreichen, sagten sie, er werde nie etwas können. Jetzt ist er zehn, er läuft, isst selbstständig, trommelt gern. Und seit Kurzem spielt er auf der Kindergitarre, als habe er damit noch Größeres vor.

Der Ärger begann schon bei der Frage, in welche Richtung sich die Türen der Zimmer öffnen sollen. Die Wohn- und Pflegeaufsicht befand: nach innen, denn es dürfe keine Hindernisse im Flur geben. Der Brandschutzexperte forderte: unbedingt nach außen, dann seien die Räume leichter zu evakuieren. Es dauerte Wochen, dann setzte sich der Brandschutz durch.