Oberärztin Renate Demharter, 56, stellt ein Messingtablett auf den Tisch, überladen mit daumendicker Blutwurst und Schinken. Demharter hat in ihre Wohnung in der schwäbischen Kleinstadt Gersthofen eingeladen, in ein kleines Wohnzimmer mit Kruzifix auf dem Regal und Kuscheltieren auf dem Sofa. Christine Dierkes, 38, ist aus Regensburg gekommen. Sie ist auch Oberärztin und hochschwanger. Joachim Schur, 46, Internist im grauen Kapuzenpulli, ist aus Schleswig-Holstein angereist und überreicht der Gastgeberin eine Schachtel Marzipan. Andreas Hammerschmidt, 29 und Chirurg aus Hannover, trägt Hemd und Jackett. Sie arbeiten in kleinen Häusern oder riesigen Kliniken, betrieben von Kommunen, privaten Konzernen oder der Kirche. Alle eint die Sorge, dass der ökonomische Druck, der auf Krankenhäusern lastet, Ärzte ausbrennen lässt und Patienten gefährdet. Demharter reicht einen mächtigen Korb mit warmen Semmeln herum.

DIE ZEIT: Als wir uns auf das Gespräch mit Ihnen vorbereitet haben, sind wir auf eine Umfrage gestoßen: Ein Viertel der deutschen Klinikärzte würde ihre eigene Klinik nicht empfehlen ...

Andreas Hammerschmidt: Nur ein Viertel?

ZEIT: Sie glauben, es ist noch schlimmer?

Joachim Schur: Wenn einer seine Klinik nicht empfehlen will, steckt dahinter ja das Gefühl, dass dort mit der Medizin etwas schiefläuft. Das kenne ich total gut. Ich bin als Internist mittlerweile in meinem achten Krankenhaus. Als ich bei meiner letzten Stelle als Assistenzarzt bei einem großen, privaten Klinikkonzern gearbeitet habe, war ich dort allein für eine Intensivstation mit 18 Betten und neun Beatmungsplätze zuständig.

Christine Dierkes: Allein für die ganze Station?

Schur: Ja, das ist anspruchsvoll. Die Station sollte man da eigentlich nicht verlassen. Ich musste die Intensivpatienten nachts und am Wochenende aber sehr wohl allein lassen, weil ich gleichzeitig die Notaufnahme betreut habe.

Renate Demharter: Intensivstation und Notaufnahme? Das sind zwei völlig unvereinbare Aufgaben!

Schur: Genau. Das geht nur mit Pflegepersonal, auf das ich mich absolut verlassen kann. Die haben aber nach und nach alle aufgegeben. Am Ende war ich nicht mehr bereit, mich dieser Überlastung auszusetzen. Ich bin da sicher nicht der Einzige. Eine Umfrage meiner Ärztegewerkschaft Marburger Bund bei uns in Schleswig-Holstein hat ergeben: 89 Prozent der Ärzte fühlen sich überfordert.

Demharter: Viele Krankenhäuser haben zu wenige Ärzte, weil überall gespart wird. Aber in einigen ländlichen Regionen wie dem Bayerischen Wald findet man auch gar keine Fachkräfte mehr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

ZEIT: Wie sahen Ihre Nächte zwischen Intensivstation und Notaufnahme aus, Herr Schur?

Schur: Da ist etwa eine junge Frau, die hat nach einer Geburt eine Nachblutung, die braucht dringend Blutkonserven. Gleichzeitig kommt ein älterer Herr rein, der hat eine Herzfrequenz von 180, die ist total durcheinander. Steckt dahinter ein Herzinfarkt? Die Ambulanz ruft an: Hier liegt jemand mit einem akuten Bauch, der ist massiv gebläht, und schreit. Ja, und jetzt sagen Sie mir, was ich zuerst machen soll.

ZEIT: Wenn Sie zwei von drei Patienten allein lassen müssen – wer kümmert sich um die?

Schur: Keiner. Es ist doch keiner da. Da muss man schnell sein.

ZEIT: Aber wenn Sie nicht schnell genug sind, verblutet die Frau. Oder der alte Mann stirbt.

Schur: Ja. Und was Sie jetzt empfinden, ist das Gefühl, das sich dann breitmacht: Wie soll ich das hinkriegen? Was ist denn hier das Wichtigste?

ZEIT: Wie trifft man solche Entscheidungen?

Schur: Aus dem Bauch.

Dierkes: Gab es keinen Oberarzt, der aushelfen konnte?

Schur: Der liegt im Bett, 45 Kilometer entfernt, und manchmal wacht er auch nicht auf, wenn ich ihn nachts um 3 Uhr anrufe.

Hammerschmidt: (nickt) Der geht dann nicht ans Telefon.

Schur: Der Chefarzt hatte zwar Rufbereitschaft. Der ist aber am Telefon regelmäßig wieder eingeschlafen, wenn ich versucht habe, ihm eine Frage zu stellen.

Dierkes: Für den ist das auch nicht einfach. Ich kenne das, ich wurde relativ schnell zur Oberärztin und hatte an meiner alten Klinik, einer Uni-Klinik, zwölf Nächte im Monat Rufbereitschaft. Sie müssen jede Nacht aufs Neue entscheiden: Fahre ich rein, um die jungen Kollegen zu unterstützen, oder nicht? Wenn da aber ein 20-Jähriger mit Lungenentzündung um sein Leben kämpft, bleiben sie nicht im Bett liegen. Am Ende bin ich im Zweifel immer in die Klinik gefahren. Knapp zwei Jahre habe ich das durchgehalten. Dann habe ich das Krankenhaus gewechselt und bin aus der Intensivmedizin ausgestiegen.

ZEIT: Zugespitzt gesagt, stehen Sie vor der Entscheidung: Opfere ich mich oder den Patienten?