Für ihre Fans ist Leica fast wie eine Religion. Ein Mythos sei die Marke, sagt Andreas Kaufmann und blickt auf weiß gerahmte Fotos von Brigitte Bardot, Muhammad Ali und Che Guevara, die an den Wänden hängen. Leica, das war jene Kamera, mit der die Großmeister der Fotografie die Welt auf Film bannten. Andreas Kaufmann sammelt ihre Werke seit Jahren. Um die Schulter des 63-Jährigen hängt eine Kamera mit dem kreisförmigen roten Logo. 6.500 Euro kostet die neue M10 – ohne Objektive, weit mehr als jedes vergleichbare Konkurrenzmodell. Trotzdem gibt es lange Wartelisten.

Das liegt an Andreas Kaufmann. Vor rund 15 Jahren war die Luxusmarke totgesagt, sie hatte die Digitalisierung verschlafen. Dann kam Kaufmann, ein in Mannheim geborener Wahl-Salzburger, der in das Unternehmen einstieg, den Mythos wiederbelebte und die Firma erneut konkurrenzfähig machte. 370 Millionen Euro Umsatz machte Leica im vergangenen Jahr.

Man könnte auch sagen: Kaufmann wurde vom Ministranten zum Kirchenoberhaupt einer weltweiten Gemeinde. Doch so, wie der Kult um die Kamera aus dem hessischen Wetzlar Außenstehenden oft fremd bleibt, ist auch ihr Retter nur schwer zu fassen. Auf der einen Seite ein bekennender Anthroposoph, früherer Waldorf-Lehrer, Literaturwissenschaftler und Mitbegründer der deutsche Grünen. Auf der anderen Seite steht der Großunternehmer Kaufmann, der Millionen geerbt hat und oft genervt wirkt, wenn er darauf angesprochen wird.

Kaufmann sitzt in einem großen Besprechungsraum seiner Vermögensholding ACM. Das Gebäude am Fuße des Salzburger Mönchsbergs war früher eine Schule, heute sind die Räume mit Dutzenden Originalen aus der goldenen Ära der Fotoreportage geschmückt. Seit 2002 lebt Kaufmann mit seiner Frau und drei Kindern in der Stadt. Über die Projektentwicklungsfirma hält er einige kleine Betriebe und vor allem die Mehrheit an Leica. ACM hat Kaufmann im Jahr 2002 aus einem riesigen Erbe heraus gegründet. Mit 45 Jahren wurden er und seine Brüder von einer Tante adoptiert. Sie vermachte ihnen das Frantschach-Papierwerk in Kärnten, der Verkauf soll 1,5 Milliarden Euro eingebracht haben. Mit diesem Geld gründeten die Brüder die Salzburger Firma.

Vom "Leica-Virus", wie Andreas Kaufmann es nennt, wurde er 2003 infiziert. Der Hobbyfotograf besuchte damals den Wiener Galeristen und Sammler Peter Coeln, der ihn durch seine riesige Sammlung aus historischen Kameramodellen führte. Von ihm erwarb Kaufmann seine erste Leica, und Coeln machte ihm bewusst, welche enorme Bedeutung der Name für Liebhaber hat. "Das hat mich emotional an die Marke gebunden", sagt Kaufmann. Der Geschäftsmann erkannte, dass im Unternehmen bedeutend mehr steckte, als es die maroden Zahlen suggerierten.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Als Kaufmann 2004 neben dem französischen Luxuskonzern Hermès als Miteigentümer bei Leica einstieg, war die Firma eigentlich am Ende. Die Digitalfotografie hielt das damalige Management für einen vorübergehenden Trend, der das analoge Luxussegment nie erreichen würde. Auf der Photokina in Köln, der größten Fotomesse weltweit, hefteten sich Leica-Vertreter selbstbewusst Sticker mit der Aufschrift "Ich bin ein Filmdinosaurier" ans Revers. Doch die Konkurrenz war davongezogen, in der Branche prophezeite man das baldige Aus für Leica. Als Aufsichtsratschef tauschte Kaufmann das Management aus, 2007 wurde er Alleineigentümer. Seine Brüder glaubten nicht mehr an die Erfolgsgeschichte und stiegen aus.

Unter Kaufmann schaffte Leica doch noch die Kurve in das digitale Zeitalter. Zugleich setzte er seiner Entwicklungsabteilung klare Vorgaben und setzte den Fokus auf genaue Zielgruppen: Wer bis zu 20 000 Euro für eine Kamera ausgibt, muss einen Grund dafür haben. Bei Leica könne der nicht nur die Technologie sein, erkannte Kaufmann. Es ist die Marke. Peter Coeln hat eine weitere Erklärung für den Aufschwung: "Kaufmann ist letztlich deshalb erfolgreich, weil er nicht wie ein klassischer Manager denkt. Er ist ein Enthusiast."

Andreas Kaufmann trägt Sakko und Hemd, am Finger einen Siegelring. Er hat keine managementspezifische Ausbildung, aber das sei ihm nie abgegangen, sagt er. Aufgewachsen ist er in Schwäbisch Gmünd als Teil einer prominenten Unternehmerfamilie: Der Vater war Manager beim Naturkosmetikhersteller Weleda, der Schwager gründete die Biokosmetikmarke Alnatura, zum erweiterten Familienkreis gehört auch Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm. Weite Teile der Verwandtschaft hängen der Anthroposophie an, auch Andreas Kaufmann wurde als Kind auf eine Waldorfschule geschickt.

Natürlich wussten er und seine Brüder, dass in Österreich ein stattliches Vermögen auf sie wartete. "Ein großes Erbe kann auch eine Belastung sein", sagt er. Er sei bescheiden aufgezogen worden. Als Kind gab es fünf D-Mark Taschengeld pro Woche. Bis in die späten neunziger Jahre sei er Wagen der Golf-Klasse gefahren.

Damals nahm er zwar über die familieneigene Vermögensverwaltung einige Aufsichtsratsposten ein. Zuvor interessierte er sich wenig für Wirtschaft. Er studierte Literatur, Geschichte und Politik und promovierte mit einer Arbeit über die Entstehung des Laienspiels. Dann unterrichtete er viele Jahre lang an einer Waldorfschule und engagierte sich in der Gründergeneration der alternativen Ökoaktivisten.

Von den Thesen des Club of Rome aufgewühlt, tingelte er als 26-Jähriger mit dem Künstler Joseph Beuys, auch er ein Grüner der ersten Stunde, durch die Lande. Der drei Jahrzehnte ältere Eigenbrötler prägte den jungen Kaufmann: In jedem Menschen stecke ein Künstler und ein Unternehmer, sagte Beuys, man müsse ihn nur rauslassen – ein Satz, den sich Kaufmann zu Herzen nahm. Aus der politischen Partei stieg er jedoch bald wieder aus, die Diskussion mit den marxistisch gefärbten Aktivisten sei ihm auf die Nerven gegangen, erzählt er. Er sei nie ein linker Umstürzler gewesen, sondern immer ein deklarierter Anhänger der Marktwirtschaft.

Geht es um Politik, verfällt Kaufmann in einen Monolog. Da entspricht er ganz dem Klischee des Unternehmers. Der Millionenerbe wettert gegen Bürokratie, erklärt knapp, dass die Erbschaftsteuer ein Übel sei und es nur höhere Zinsen und etwas Inflation brauchte – als ob Wirtschaftspolitik eine Milchmädchenrechnung wäre. Gesellschaftspolitisch eher liberal, liege seine wirtschaftspolitische Meinung irgendwo zwischen Neos und ÖVP, sagt er.

Zugleich kritisiert er vermeintliche Auswüchse des Kapitalismus, die Rekordbörsengänge der Start-ups aus dem Silicon Valley, die bei ihm mittlerweile nur verständnisloses Grinsen hervorrufen. Noch vor seinem Erbe war er Eigentümer einer IT-Firma. Obwohl das Unternehmen wenig Umsatz machte, wurde es schnell mit 140 Millionen D-Mark bewertet und ging pleite, als die Dotcom-Blase nach der Jahrtausendwende platzte. "Dadurch habe ich gelernt, dass Geld sehr relativ ist", sagt er selbstironisch. Aus der Misere formte er seinen Glaubenssatz: Wahre Werte seien in erster Linie in der Industrie zu erzielen.

Wenn es um sein Erbe geht, kann Kaufmann genervt reagieren. "Man kann Geld auch anlegen und sich ein schönes Leben machen. Aber was soll das bringen? Soll ich die Füße hochlegen und warten, bis ich Krampfadern bekomme?" Gern zitiert er ein Mantra des Waldorf-Begründers Rudolf Steiner: Geld verpflichte zum Einsatz von Fähigkeiten. Ziel sei, sagt Kaufmann, mit dem Vermögen etwas Beständiges zu schaffen.

Kaufmann ist bedacht, nicht zu protzen, nach außen gibt er sich gern bescheiden. Nur ungern erzählt er von seiner Oldtimer-Leidenschaft, von den Alfa Romeo aus den Zwanzigern, die in seiner Garage stehen. An den alten Fahrzeugen interessiere ihn vor allem die technologische Komponente, sagt er.

Im Leben des Unternehmers dreht sich aber seit Jahren alles um die Marke mit dem roten Punkt. Ehefrau Karin führt in Salzburg eine Leica-Galerie, während er zwischen Salzburg, dem Firmensitz im hessischen Wetzlar und Verhandlungen auf der ganzen Welt hin und her reist. Vergangenes Jahr vereinbarte er eine Kooperation mit dem chinesischen Mobiltelefonhersteller Huawei, der Leica-Optik in Handys einbaut.

Wenn Kaufmann dann auf seine neue M10 zeigt, ist das mehr als reines Marketing, für ihn steckt in dem schwarz-silbernen Gehäuse auch ein politisches Statement. "Das ist wahre technologische Innovation", sagt er. Seine Leica sieht er als ein Symbol von Industrieeuropa, das gegenüber der New Economy immer mehr Selbstvertrauen verliert. Die Leica-Jünger in aller Welt mögen das zwar weniger politisch sehen, als nahezu religiöses Statussymbol verehren sie die Kamera aber ebenso.