Frei laufende Hunde! Das ist in Hamburg faktisch ein Elend. Beispiele? Jeden Tag. Auf dem Weg zum Bäcker setzt ein Rüde aufgrollend über die Straße. In der Geldautomatenhalle der Commerzbank startet ein leinenloser Weimaraner zum Angriff durch. Bei Karstadt patrouilliert ein offensichtlich herrenloser Setter in der Sockenabteilung.

Und die Kreuzung Nähe Jungfernstieg ist im Griff des unangeleinten Schäferhundes eines Bettlers, der vierbeinige Konkurrenz zähnefletschend auf Abstand hält.

Schluss mit lustig war, als eine Mutter Beschwerde einreichte. Auf dem Kinderspielplatz des Jenischparks hatten frei laufende Hunde Kinder bedrängt. Beschwerde beim Amt, der Naturschutzbund legte nach und verwies auf Brutvögel im nahen Naturschutzgebiet.

Jetzt es ist so weit. Die Freilaufzone im Jenischpark soll weg. So die Empfehlung des Grünausschusses an die Bezirksversammlung. Alle Hunde im Park sollen an die Leine.

Der Jenischpark. Er ist der schönste, der wildeste, gleichzeitig der eleganteste Park der Stadt, ein Hundeparadies. Okay, Freilauf ist auch hier, wie in allen Parks, nicht wirklich erlaubt außerhalb der Hundewiese, aber wird dort, wie ja in allen Parks und an der Elbe, trotzdem praktiziert. Warum auch nicht? Fahrräder dürfen über Spazierwege rasen, warum dann keine Hunde über die Wiese? In der Regel ist alles friedlich. Weil Hunde so gerne miteinander spielen. Und Kinder lieben Hunde. In Richtung Naturschutzbund gerufen: Das ist natürlich!

Am schönsten ist der Park bei Schietwetter, dann gehört er allein den Hunden und Kindern. Die Schönheit der Parks würde an solchen Tagen niemand auch nur bemerken, wären nicht Hunde und Kinder unterwegs. Ja, das Leben könnte wunderbar sein, gäbe es nicht – hanseatische Hundehalter.

Der Hundehalter ist ein Problem. Er gibt gerne das schlecht gelaunte Alphatier. Circa 99 Prozent der Besitzer frei laufender Hunde reagieren auf die leiseste Aufforderung, ihren Hund auf engem Bürgersteig oder in der S-Bahn oder auf einem Kinderspielplatz an die Leine zu nehmen, mit Blaffen und Pöbeln. Ich erinnere mich an einen Spielplatzbesuch, eine Lady saß am Sandkasten, in dem ihre Töle ein Loch buddelte. Sie rief: "Mein Hund beißt! Halten Sie Ihr Kind zurück!" Immerhin, eine Warnung.

Sollte der Halter eines leinenlosen Hundes versuchen, seinen Hund zurückzurufen – was er in 99 Prozent der Fälle nicht tut –, klappt es in 99 Prozent der Fälle nicht. Vermutlich sind 99 Prozent der frei laufenden Hunde auch gar nicht leinenbefreit, sondern Frauchen und Herrchen tun nur so. Warum auch, es kontrolliert ja keiner. Wie auch, wenn die Stadt für 70.000 Hunde ganze sieben Kontrolleure hat.

Das Problem ließe sich so beschreiben, dass es Wesenstests für Hunde gibt, aber keine für Hundehalter. Der Wesenstest für Hunde mag ja so gut ausfallen, dass er in einer Leinenbefreiung für den Hund mündet, die dann fünf Jahre gültig ist. Ein Wesenstest für Hundehalter würde vermutlich oft so ausfallen, dass der leinenbefreite Hund gebeten werden müsste, seinen rüpelhaften Chef an die Leine zu nehmen.

In der Summe erzielt das Hundehalter-Zähnefletschen seine Wirkung. Das Vorgehen der Stadt zum Thema frei laufende Hund ließ blanke Angst erkennen. Runder Tisch zum Thema "Konfliktfreies Flächenkonzept für Hunde in Altona"! Öffentliche Anhörungen! Zwei Expertentagungen! Der Boulevard titelte: Bezirk fliegt Hunde-Guru zum Friedensgipfel ein. Gemeint war: Dr. Udo Gansloßer, Privatdozent für Zoologie aus Fürth.

Die Argumentationsbreite wurde mit Excel erfasst und ins Netz gestellt. Alles nicht billig, aber nun, die Stadt nimmt jährlich 3,6 Millionen Euro an Hundesteuer ein. Besonders liebt die Stadt Kampfhunde, 600 Euro pro Stück! Dafür gab es bisher kostenlose Kottütchen als Dank. Ein paar zusätzliche Stellen für den Ordnungsdienst, der beispielsweise frei laufende Kampfhunde an die Kandare nehmen könnte – leider nein.

Die Argumente stehen jetzt im Netz. Von einem "Vollzugsdefizit" bei der Einschränkung der Leinenbefreiung ist die Rede. Angedacht wird "eine Anleitung für Beschäftigung mit Hund (zum Beispiel geistige Arbeit bei älteren Hundebesitzern)". Soso. Etwas weich? Dafür fielen die Entscheidungen jetzt härter aus. Auflösung der Freilauffläche im Jenischpark. Neuer Flyer für Hundehalter, Kosten rund 10.000 Euro. Ach, und ein Verfügungsfonds von 30.000 Euro für den Hundebeirat!