Die ganz reichen Sammler, heißt es, landen auf dem Flughafen von Maastricht mit dem Privatflugzeug, in Begleitung einer Handvoll Museumskuratoren, die sich fürs Mitnehmen bedanken, indem sie den Sammlern auf der Messe das Allerbeste zeigen. Die Tefaf ist die hochwertigste Kunst- und Antiquitätenmesse weltweit, der Goldstandard jeder Form von Nostalgie, das Ziel alljährlicher Pilgertouren per Cessna oder SUV.

Am ersten Tag – er bleibt geladenen Gästen vorbehalten, denn gut ein Drittel der Umsätze werden dank eines Hangs des Publikums zum Impulskauf in den frühen Stunden getätigt – kommt es regelmäßig zu einem ganz erstaunlichen Gipfeltreffen von Geld und Kompetenz. Kunst, die nicht im Museum ist, sich aber dort aufhalten könnte, wird auf der Tefaf gehandelt, alte Meister und antike Skulpturen, Bronzen aus der Renaissance, Preziosen aus fürstlichen Kunstkammern, chinesische Porzellane oder afrikanische Masken, ein kleiner Degas hier, dort ein Courbet. Museen aus Übersee komplettieren in Maastricht ihre Bestände, die deutschen Kollegen kommen nur zum Gucken. Die privaten Sammler stammen aus den beiden Amerikas oder aus Russland. Mitteleuropäer sind längst in der Minderheit.

Das alte Europa ist der Hauptexporteur von alter Kunst, daran hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert, wie der alljährlich erscheinende Tefaf-Report betont. Das Erbe Europas entschwindet in Richtung USA und China, abzulesen auch am prozentualen Anteil des Geschäftes mit den Künsten: Fast ein Drittel entfällt auf die Vereinigten Staaten, Europa hält noch ein Viertel, auf China kommen beinahe schon zwanzig Prozent. Der diesjährige Report beruhigte die Branche allerdings, denn mit einem kleinen Zuwachs von 1,8 Prozent blieb global alles stabil: Für 45 Milliarden Dollar wurde 2016 Kunst ge- und verkauft. Der private Handel konnte gegenüber den Auktionshäusern zulegen, denn in den USA ging das Auktionsgeschäft zurück, was auch daran liegt, dass die großen Häuser inzwischen viel Geld mit Geschäften außerhalb ihrer regulären Auktionen machen, mit sogenannten private sales. Der Trend zeigt auch an, dass im obersten Qualitätssegment immer höhere Umsätze erzielt werden, wo gute persönliche Beziehungen eine Rolle spielen.

So wie auf der Tefaf. Man kennt einander lange, man teilt auch die Geheimnisse, und Vertrauen ist noch immer das größte Kapital. Vielleicht fehlen in diesem Jahr die atemberaubenden Highlights, vielleicht wirkt das Überangebot niederländischer Kunst des Goldenen Zeitalters ein wenig drückend. Van Haeften bietet gleichwohl zwei qualitätsvolle Porträts von Frans Hals an, Salomon Lilian präsentiert die Allegorie der sieben Freien Künste von Marten de Vos. Agnews zeigt Theodore Rombouts Kartenspieler, während Adam Williams Fine Art ein seltenes, womöglich das einzige überlieferte Porträt von Antonio Zucchi (1763) präsentiert. Es stellt James Adam dar, den Bruder des begnadeten schottischen Architekten und Ausstatters Robert Adam. Und Jean-Luc Baroni bietet aus italienischem Adelsbesitz ein Bildnis des jungen Delacroix an, gemalt von Théodore Géricault.

Traditionell ein Markt der alten Meister, dringt die Klassische Moderne langsam vor. Erste Zeitgenossen wie Thomas Schütte, Charlotte Dumas oder Sadie Murdoch tauchen überdies auf. Das wird von den Lordsiegelbewahrern der Tefaf argwöhnisch beobachtet. Tatsächlich dominiert die Moderne nicht, sie wirkt eher wie eine harmlose Erweiterung des Sortiments. Dubuffet ist gleich mit mehreren Bildern vertreten, ebenso wie Max Ernst. Henze & Ketterer zeigt das Porträt Nailas von Max Beckmann (1934), Dickinson stellt das vorzügliche Aquarell La Montagne Sainte-Victoire von Cézanne aus (um 1890). Auch die Tefaf muss versuchen, jüngere Sammler anzusprechen, die vornehmlich an der Moderne und den Zeitgenossen interessiert sind. Gesucht wird der Cross-over-Collector, der seinem Bestand an rezenter Kunst mit fortschreitender Geschmacksbildung auch Stücke der älteren hinzufügt. Dieser Typus lebt in Shanghai, Miami oder Bogotá. Der Spezialist unter den Sammlern scheint auszusterben, dem frohgemuten Synkretisten gehört die Zukunft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Und diese Zukunft ist natürlich immer verdüstert, sobald man mit Händlern spricht, eine Zukunft mit Wolken am Horizont wie auf holländischen Herbstlandschaften, selbst wenn die Geschäfte blendend gehen: Wie mag sich der Brexit auswirken, wie wird sich das chinesische Wirtschaftswachstum entwickelt? Das deutsche Kulturgutschutzgesetz ist Gegenstand ernsthaften Verdrusses, denn die neuen Sorgfaltspflichten für Handel und Kunden gelten als unerfüllbar, und das noch nicht funktionierende System der Ausfuhrgenehmigungen erweist sich als übler Stolperstein. Noch immer ist die Bundesrepublik ein Kernmarkt für Antiquitäten und Kunst. Viele Beobachter prognostizieren jedoch, dass dort Sammeltraditionen aussterben, der Nachwuchs sich ganz auf die unverfängliche zeitgenössische Kunst konzentriert, das Gesetz also langfristig eine kulturelle Verarmung zur Folge haben wird.

Andere Sorgen sind hausgemacht: Erst im vergangenen Jahr entschloss sich die Tefaf-Leitung, für die amerikanische Kundschaft zwei weitere kleinere Messen in New York abzuhalten. Im vorigen Herbst fand die erste im Park Avenue Armory statt. Nicht ganz übel sei sie gewesen, meinen Besucher, umwerfend aber keinesfalls. Das Original bleibt Maastricht. Von "Selbstkannibalisierung" wird trotzdem geraunt.

Etwas anderes nagt heftiger an der Seele. Ein neuer, möglicherweise riesiger Fälschungsskandal dräut, im Augenblick noch auf schwacher Flamme köchelnd und wieder die Großen, die eigentlich Verlässlichen der Branche, betreffend. Das Übel geht von einem Posten Altmeistergemälde aus, der von einem Franzosen namens Giuliano Ruffini in Umlauf gebracht wurde. Ein Frans Hals ist entlarvt worden, auch ein Parmigianino. Ein Cranach ist wohl ebenso betroffen wie Bilder von Velázquez und Gentileschi. Es geht um sehr viel Geld und noch mehr Reputation. Diesmal war ein Könner am Werk, kein Dilettant wie Wolfgang Beltracchi. Getuschel: Die legendären Namen mit ihren Ständen an der zentralen Achse der Messe, sie sollen fast alle darin verwickelt seien. Eine Händlerin sagt: "Kein Wort darüber fällt, aber jeder weiß Bescheid. Es ist wie ein Gift, das sich langsam durchfrisst. Ein Gegenmittel gibt es nicht."

So bleibt die Oberlippe steif. Die Teppiche sind schwer wie stets, das Licht ist dezent, das Tuch am Leibe dunkel und von bester Qualität. Die Damen lächeln elegant, ihre Männer sehen aus, als hätten sie es sonst mit noch härteren Gegnern zu tun als mit Kunsthändlern. Die Tefaf (noch bis zum 19. März) muss man sich als eine Zeitkapsel denken, es ist Europa als Konzentrat und als idealer Zustand – gebildet, kunstsinnig und solvent. In Maastricht blitzt die Idee Europas noch einmal auf, und die Welt reist an, um dem Alten Kontinent seine Reverenz zu erweisen, seiner Kultur, seinem Stil. Ein magischer Moment, so unwirklich wie bezaubernd.