Will man das Lebensgefühl der New Yorker Boheme in den Neunzigern auf eine Formel bringen, bietet sich der Name eines Clubs an, der die Dekade geprägt hat: die Knitting Factory, die "Strickfabrik" – es war der Geist eines vom warenfetischistischen Sonnenkönig Warhol inspirierten, aber auch konsumkritisch abgesetzten, selbst gebastelten Rokokos. Musikalisch fand dieser Geist seinen Ausdruck auf ideale Weise in der naiv-coolen, ukulelenseligen Wave-Pop-Art der Magnetic Fields. 1999 verbreitete sich mit 69 Love Songs, dem monumentalen Hauptwerk der Band, ihr Ruhm weit über die Lower East Side in die gesamte westliche Welt (sogar bis zu Peter Gabriel, der seine eigene, schmierige Version von Book of Love aufnahm).

Nun, nach 17 Jahren und einigen normallangen Alben, gibt es mit 50 Song Memoir wieder eine Konzeptschwarte der Magnetic Fields. 50 Songs, einen für jedes Lebensjahr ihres Songschreibers Stephin Merritt. Im der CD beiliegenden Interview bezeichnet Merritt den Zyklus als eine Art Antwort auf die 69 Love Songs: In den Love Songs sei – mit der Einschränkung, dass jedes Liebeslied einen Realitätskern besitze – alles ausgedacht gewesen, und im Song Memoir sei – mit der Einschränkung, dass jede Autobiografie zu einem gewissen Grad fiktiv ist – alles wahr. Nun verbirgt sich nicht hinter jeder Jahreszahl ein im strengen Sinne biografisches Ereignis (zu 1989 gibt es zum Beispiel ein Lied über eine Gruppe namens The 89 Music Marching Zoo), aber dennoch erschließt das Konzept Merritts Texten ganz neue thematische Dimensionen und bringt sie weit außerhalb einer Gefahr, in der ab und an seine Genre-Pastiches schwebten: dass sie in Kunsthandwerk abflauen könnten.

Die chronologische Struktur lässt einen das Album verschlingen wie eine gute Serie, man hört gebannt den Kindheitsstorys zu – vor allem denen über die dysfunktionale Beatnik-Mutter und ihre ständig wechselnden Partner, von denen der schlimmste die Bremsen an ihrem Auto sabotiert, um dann später, zur großen Freude des lyrischen Ich, zu sterben. Man verfolgt Diskussionen mit dem Ethikprofessor, Streifzüge durch die Clublandschaft der Neunziger, Dreiecksgeschichten, Leseerlebnisse. Die größten Momente sind aber die, in denen das Biografische ins Allgemeine schweift. Wie bei I Think I’ll Make Another World, das die weltschöpfende Kraft des Songwritings nicht nur besingt, sondern auch mit einer Melodie demonstriert, so tränentreibend wundervoll, wie eben doch nur Merritt, die Nachtigall von Manhattan, sie kann.

Magnetic Fields: 50 Song Memoir (Nonesuch)