Ja! Heilung ist hier das Resultat eines magischen Moments

"Die Welt will betrogen sein, darum sei sie betrogen" lautet übersetzt ein alter lateinischer Rechtssatz (Mundus vult decipi, ergo decipiatur). Übertragen auf die Medizin, müsste der Satz lauten: Selbst schuld, wer auf Behandlungen schwört, die nach wissenschaftlichem Verständnis unwirksam sind. Sollen aber auch Krankenkassen ihren Mitgliedern wider besseres Wissen solche Therapien bezahlen? Ja, es spricht einiges dafür.

Testfall für diese Frage ist die Homöopathie. Anfang März hatte sich die Techniker Krankenkasse mit einem Tweet pro Homöopathika argumentativ verheddert und einen Shitstorm ausgelöst. Natürlich weiß, wer eine biomedizinische Ausbildung genossen hat und über die seriöse Studienlage im Bilde ist, dass Homöopathika in hohen und höchsten Verdünnungen nicht wirken können. Was immer nach Einnahme von Globuli beim Patienten geschieht, hat nichts mit irgendwelchen Wirkstoffen zu tun. Trotzdem fühlen sich viele Menschen nach ein paar sorgsam ausgewählten Kügelchen besser. Der gebildete Arzt weiß, dass diese Wirkung mit der positiven Erwartungshaltung zu tun hat und mit dem, was gemeinhin als Placeboeffekt bekannt ist. Dieser Effekt aber lässt sich genauso gut mit Handauflegen, Zuckerpillen oder aber mit aufmerksamem Zuhören auslösen. Warum also nicht lieber dem Patienten gleich ein ausgiebiges Gespräch anbieten – und dem Arzt dasselbe angemessen vergüten? Wäre das nicht ehrlicher, als so zu tun, als ob an homöopathischen Globuli etwas dran (beziehungsweise drin) sei?

Das mag schon sein, aber wahrscheinlich wäre es auch weniger wirksam. Manche Patienten misstrauen üblichen Arzneien eben und schwören auf das homöopathische Prinzip, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Der behandelnde Arzt mag zwar nicht an die spezifische Wirkung glauben, dafür aber um den machtvollen Placeboeffekt wissen. Im Sprechzimmer treffen sich also zwei, die sich positiv gestimmt aufeinander einlassen. Diese magische Konstellation kann wunderbar funktionieren. Wie viel anders ist es, wenn ein misstrauischer Patient auf einen Arzt trifft, der – wissenschaftlich ehrlich – alle möglichen Nebenwirkungen eines Wirkstoffs verliest! Das Risiko, dass der Patient die Tabletten vor lauter Angst gar nicht erst einnimmt, ist erheblich.

Das Magie-Argument ist nicht neu, gewiss. Studien hätten gezeigt, wenden Kritiker ein, dass Menschen, die oft zu Homöopathika griffen, nicht weniger, sondern mehr Kosten verursachten. Nun ist aber erstens unklar, welche Patienten genau Homöopathie bevorzugen und wofür. Zweitens ist gar nicht ausgemacht, ob diese Gruppe bei Verzicht auf die Therapie ihrer Wahl (kosten-)günstiger behandelt worden wären. Für manche sind Homöopathika die richtige Wahl. Unter bestimmten Bedingungen dürfen Krankenkassen die Kosten erstatten. Und schließlich verursacht Homöopathie nur einen Bruchteil aller Krankenkassenausgaben. Zehntausende lassen sich die kaputten Knie spiegeln, obwohl die Wirksamkeit dieses Verfahrens streng gegen null strebt.

Natürlich müssen Ärzte darauf hinweisen, wenn biomedizinische Medikamente mit gesicherter Wirkung die bessere Wahl wären. Und sollte ein Patient sie fragen, ob Globuli eine spezifische Wirkung haben – sollten sie ehrlich antworten. Das werden die Anhänger aushalten.

Dr. med. Harro Albrecht