In seinem neuen Film geht André Téchiné wie ein rasanter Schachspieler vor, der mit einer ungewohnt wilden Eröffnung rasch die einander befehdenden Kräfte freilegt und ein verblüffendes Stellungsspiel getarnter Abneigung und verhüllten Begehrens etabliert. Mit siebzehn ist ein Taumel, der sich zunächst ganz sachte entwickelt – als Störung, als Straucheln und Stolpern: Damien, der verwöhnte, smarte Klassenbeste, Sohn einer Ärztin und eines in Afrika kämpfenden französischen Offiziers, deklamiert gekonnt und im Ton angeberischen Understatements Rimbaud. Auf dem Weg zurück zur seinem Platz stellt sein Mitschüler Thomas ihm ein Bein. Eine Annäherung, ein erster Kontakt ganz eigener Art. Thomas ist halb algerischer Herkunft, er hat Mühe mit der Schule, zieht sich am liebsten zu den Tieren auf dem entlegenen Bauernhof seiner Adoptiveltern und in die Berge der Pyrenäen zurück.

Von Anfang an gibt sich der Film den Körpern der Heranwachsenden hin. Die Kamera (großartig geführt von Julien Hirsch) ist wie verliebt und geradezu besessen, die Haut, den Atem, die physische Aktion mitzuerleben: wenn Thomas die Schneemassen umarmen will, wenn er sich ins Eiswasser stürzt, sich verliert in seiner unbändigen, überschüssigen Kraft. Damien wiederum trommelt auf einen Sandsack ein, lässt sich bei einem Freund des Vaters, einem ehemaligen Offizier, im Boxen unterweisen, er will sich jenseits seiner Schulintelligenz ganz unmittelbar spüren.

Der eigentlich unbedeutende Vorfall, ein Schülerstreich – Damiens Sturz im Klassenzimmer –, führt zu einer heftigen Eskalation. Die schiere körperliche Auseinandersetzung, eine lauernde und immer ausbruchbereite Gewalt, dominiert jetzt das Bild. Wir werden hineingezogen – und André Téchinés Film lässt uns da keine Wahl – in den Strudel von immer weiter um sich greifenden, zunächst unerklärlichen Gefühlen, welche die beiden Jungen gegeneinander und, zu Beginn noch im Verborgenen, füreinander entwickeln.

Kino - "Mit Siebzehn" (Trailer) © Foto: koolfilm

Berührung, Rempeln, Schubsen, Schlagen und Treten sind die wechselnden Modi der immer auch spielerischen und narzisstischen Auseinandersetzung der Adoleszenten untereinander.

Eine sehr glaubwürdige Wendung will, dass Damiens Mutter, eine Landärztin, der man sich gerne anvertrauen würde, die problematische Schwangerschaft von Thomas' Mutter rechtzeitig erkennt. Kurzerhand entscheidet sie, dass, weil die Mutter eigener Pflege bedarf, Thomas vorübergehend in ihre Familie aufgenommen werden soll.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Thomas' Leben in seiner neuen Umgebung gestaltet sich, trotz einer von der Ärztin ebenso liebevoll wie konsequent entfalteten Häuslichkeit, schwierig, weil keine wirkliche Beruhigung einkehren kann. Damien spürt, dass er schwul ist, und ebenso verzweifelt wie linkisch sucht er nach dem ersten Abenteuer. Er chattet und findet einen Landwirt, er bittet Thomas, ihn zu dem Alleinlebenden zu fahren, doch schreckt er im Augenblick einer wirklich rührenden Annäherung vor dem entscheidenden Schritt zurück.Ganz nebenbei zeigt Téchiné uns eine aseptische Szene elektronisch gesteuerter Milchgewinnung, aus der jede Sinnlichkeit vertrieben ist. Euter, Messgeräte, Gesichter und geraffte Erklärungen schießen zusammen. Alles Tierische ist hier besiegt.

In einer großen Szene liefern sich die beiden Adoleszenten einen Schlagabtausch, einen unerbittlichen Kampf in Thomas’ Revier in den Bergen. Die Natur ist ein weiterer Protagonist in diesem Film, sie drängt sich auf – und doch ist sie nur eine rasch verwelkende Kulisse für Thomas' kleine Fluchten in den körperlichen Exzess der Selbsterschöpfung. Was fehlt, ist der andere.