Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Ich war sieben Monate lang der einzige Mensch auf Trischen, einer kleinen, unbewohnten Insel in der Nordsee. Ich habe dort als Vogelwart gearbeitet. Der Naturschutzbund Deutschland schreibt die Stelle jedes Jahr neu aus, länger will er niemandem die Einsamkeit zumuten. In den sieben Monaten musste ich vor allem Zug- und Brutvögel zählen. Davon hatte ich seit meinem Zivildienst geträumt und daher im Biologiestudium auf Helgoland und in Büsum über Seevögel geforscht.

Es fing damit an, dass ein ehemaliger Krabbenfischer mich mit seinem 35-PS-Motorboot auf Trischen absetzte. Ich räumte meinen Rucksack und meinen Seesack in die Holzhütte, eine Kiste mit Elektronik, eine mit Büchern und eine mit Essen und Trinkwasser. Der ehemalige Krabbenfischer fuhr wieder weg – tja, und dann stand ich da. Ein komisches Gefühl, nicht richtig mulmig, eher ein bisschen aufgeregt, wie am Anfang einer Expedition. Die begann am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang. Ich habe mich mit einer Tasse Kaffee vor die Hütte gesetzt und in Fünf-Minuten-Protokollen notiert, wie viele Vögel von welcher Art in welcher Höhe vorbeiflogen.

Mein Leben auf der Insel bestand aus seltsamen Gegensätzen: Ich habe meine Kleidung mit der Hand gewaschen, hatte aber Solarpanels auf dem Dach. Ich war in der absoluten Wildnis, hatte aber Internetanschluss. Ich konnte telefonieren, skypen und bloggen und führte nicht mehr Selbstgespräche als jeder andere Mensch. Und im Notfall wäre in 20 Minuten der Rettungshubschrauber aus Cuxhaven da gewesen.

Jeden Mittwoch mailte ich dem Supermarkt in Friedrichskoog, welche Lebensmittel ich brauchte, und bezahlte sie online. Samstags brachte der ehemalige Krabbenfischer mir die Sachen dann mit seinem Boot – manchmal auch Briefe von meinen Freunden. Er war der einzige andere Mensch, den ich dort zu Gesicht bekam. Fast jedenfalls: Meine Schwester und meine Freundin durften mich besuchen, und einmal war ein Kollege da, um die Löffler zu beringen.

Knapp 150 Vogelarten habe ich auf Trischen gesehen. Der Rekord liegt bei 192. Mein persönliches Highlight war eine Falkenraubmöwe. Die sieht man an Land fast nie. Unvergesslich auch: der Duft nach Algen, wenn sich das Meer zurückgezogen hat. Und ich weiß jetzt, welche drei Dinge man auf eine einsame Insel mitnehmen sollte: eine Mütze, eine Espressokanne und ein Messer. Nun, nachdem ich zurückgekehrt bin, werde ich heiraten. Den Antrag hatte ich meiner Freundin gemacht, nachdem ich die Zusage für den Job bekommen hatte.