Wie wird Tel Aviv wohl sein? Ich war nie in Israel und bin auf Maschinenpistolen an jeder Ecke eingestellt, sehe dann aber tagelang keine. Dafür viele junge Erwachsene, gut aussehende Kinder einer globalen Immigration, die im Februar bei 25 Grad auf elektrogetriebenen Klapprädern durch die Stadt sausen, vorbei am Latte-macchiato-Spalier der bis auf den letzten Platz besetzten Straßencafés. Sportliche Männer im T-Shirt, schick angezogene Frauen, fröhlich an ihren Smartphones. Tel Aviv, das New York des Nahen Ostens, ein Berlin am Mittelmeerstrand, let’s party!

Sie feiern in einem Landstrich von 13 Millionen Einwohnern, von denen fünf Millionen rechtlos sind. Die englischsprachigen Ausgaben von Jerusalem Post und Ha’aretz diskutieren in ihren Spalten täglich über die "Apartheid", während israelische Siedler auf palästinensischem Grund Haus um Haus bauen.

Was soll man davon halten? Im Third Ear, dem führenden Plattenladen der Stadt, komme ich mit Yossi Acchoti ins Gespräch, dem Chef der Jazzabteilung. Der Endfünfziger, Sohn einer Polin und eines Ägypters, sagt: "Israel ist kein einfacher Ort. Man kann hier nicht in seiner eigenen Welt leben. Man kann sich nicht nicht dazu verhalten, selbst wenn man nicht darüber redet. Israelis gelten als rau und hart, das ist Teil der Realität, in der wir uns befinden."

Israelis rau und hart – wird das auch für den Pianisten Omer Klein gelten, der mich draußen am Zaun von Radio 88FM in der Leonardo da Vinci Street erwartet? Es ist ein Montagabend kurz vor zehn, drinnen wird er gleich seine neue Platte vorstellen, und ich darf mitkommen, um umstandslos einzutauchen in das lokale Musik- und Medienleben. Wir begegnen uns zum ersten Mal: hier der aufstrebende Jazzmusiker aus Netanja, Israel, vor seiner großen Deutschlandtour, die von Bayreuth bis in die Elbphilharmonie und nach Sylt führt, da der deutsche Reporter, der in den letzten paar Jahren so viele grandiose Jazzmusiker aus Israel gehört hat, dass er nun am Ort herausfinden will, was das Geheimnis ihrer Klasse ist. Avishai Cohen, der Trompeter. Omer Avital, der Bassist. Yonathan Avishai, der Pianist. Yaron Herman, der Pianist. Gilad Hekselman, der Gitarrist. Yotam Silberstein, der Gitarrist. Und es gibt noch etliche mehr. Alle binnen kurzer Zeit aus diesem jazzfernen Fleckchen Israel ins Licht getreten, umjubelt auf den Bühnen Europas. Wie ist das möglich?

Omer Klein begrüßt mich auf Englisch, und wir reden Englisch die ganzen nächsten Tage, nur einmal kriege ich ihn, der seit Jahren in Düsseldorf lebt, dazu, ins Deutsche zu wechseln. Da behauptet er, sein Deutsch tauge nur für Restaurants, allein im Bestellen sei er gut. Dann schwärmt er fehlerfrei von Schnitzel, Hühnerfrikassee und Königsberger Klopsen, "mit Kapern", vom Altbier und vom Himmel & Ähd in Düsseldorf, dem besten deutschen Restaurant, das er kenne.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 16.3.2017.

Aber so weit sind wir noch nicht. Ich folge ihm durch die Pforte des gut gesicherten Radiosenders über den Parkplatz. Wir steigen enge, verwinkelte Treppen zum Studio hinauf. Er frotzelt über die schäbigen Räumlichkeiten des israelischen Staatsrundfunks; beim WDR in Köln, wo er ein und aus geht, scheint es besser auszusehen. Ist die Rundfunkgebühr doch zu etwas gut!

Als wir das holzvertäfelte Acht-Quadratmeter-Stübchen erreichen, laufen gerade noch ein paar Takte Alice Coltrane. Kann kein schlechter Sender sein. Dann ist der Moderator Ronny Wertheimer dran mit seiner Stunde Smart in the evening, die aufgeweckten Zeitgenossen gewidmet ist. Heute dem Omer Klein.

Der Mittdreißiger trägt eine große Hornbrille, einen fleckigen Backenbart, eine graue Lederjacke, bunt gepunktete Socken und jetzt auch noch einen Kopfhörer. Seine Finger schimmern hellweiß, als wären sie aus Wachs; aber vielleicht kommt das vom Neonlicht im Studio.

Ich lausche aufmerksam, ohne ein Wort zu verstehen, denn der Moderator und sein Gast unterhalten sich auf Hebräisch, der Landessprache, die man in Tel Aviv leicht vergisst, weil jeder, den man etwas fragt, Englisch kann und jedes Straßenschild außer auf Hebräisch und Arabisch auch auf Englisch beschriftet ist. Die Stadt macht es Besuchern wirklich leicht.

Während Omer Klein sein Leben erzählt, hält er sein Smartphone in die Höhe. Er filmt den Moderator an den Schiebereglern und sich, hin und her schaltend zwischen Front- und Rückkamera. "Live-Streaming bei Facebook", erklärt er mir in einer Gesprächspause, während ein Stück von ihm über den Sender geht. "Gibt es hier eine Steckdose? Mein Akku ist gleich alle."

Der Pianist als sozialer Netzwerker: "Hohe Reaktionsfreudigkeit bei Nachrichten" verspricht seine Facebook-Seite; er ist ein Musiker, der alle Kanäle nutzt, seine Kunst unter die Leute zu bringen. Deshalb darf ich ihn begleiten, zum Radio und zu drei Konzerten seines Trios.