Aus westdeutscher Perspektive und Entfernung wirkt Sachsen ziemlich klein. Ich bin in Bergkamen groß geworden, Ruhrgebietsrand, etwa 50.000 Einwohner. In Nordrhein-Westfalen ist das keine Besonderheit. Gut 40 Städte zählen dort zwischen 40.000 und 60.000 Einwohner, und eine ganze Reihe sind erheblich größer.

Nach Sachsen verpflanzt, könnte sich Bergkamen hinsichtlich der Einwohnerzahl zwischen Görlitz und Freiberg auf Platz sieben einreihen. Aus ostdeutscher Perspektive ist Sachsen aber gar nicht ganz so klein. Mit etwa vier Millionen Einwohnern ist es mit Abstand das bevölkerungsreichste der fünf inzwischen nicht mehr ganz so neuen Bundesländer, das einzige, das Berlin an Einwohnern übertrifft.

Im Innern ist es vielfältig. Leipzig ist anders als Dresden oder Chemnitz, zwischen dem Vogtland und der Dahlener Heide liegen Welten, landschaftlich wie sprachlich. Die Gegend, in der ich seit Ende 2009 lebe und arbeite, liegt geografisch zwar dazwischen, ist aber sicher auch kein Durchschnitts-Sachsen. Die folgenden Erfahrungen und Beobachtungen sind also eher Schlaglichter als repräsentative Analysen.

Eine gängige Erklärung für den lautstarken Protest gegen eine Islamisierung sowie die hohe Zahl gewaltsamer Übergriffe auf Asylbewerber, Flüchtlinge und ihre Unterkünfte gerade im Osten Deutschlands geht so: Angesichts eines Ausländeranteils an der Bevölkerung von etwa drei Prozent kommt man hier kaum mit Muslimen und/oder Ausländern in Kontakt, und das Unbekannte macht nun einmal Angst. Mangels Kontakts mit Flüchtlingen und Migranten fehlt den Ostdeutschen im Allgemeinen und den Sachsen im Besonderen die Erfahrung mit Migration. Und schließlich haben die Menschen hier allgemein Angst vor Veränderung.

Ich denke, diese Erklärungsmuster sind weitgehend falsch, jedenfalls für die Gegend, in der ich zu Hause bin und die in diesem Punkt doch beispielhaft für den ländlichen Raum im Osten Deutschlands stehen kann. Mein schon etwas angestaubtes Lexikon definiert Angst als "Affekt oder Gefühlszustand, der im Unterschied zur Furcht einer unbestimmten Lebensbedrohung entspricht". Die Ostdeutschen haben Erfahrung mit Veränderung.

In den Augen derer, die in einer gegebenen Situation keine Angst haben, erscheint die Angst der Ängstlichen darum oft irrational. "Da brauchst du doch keine Angst zu haben" ist ein Satz, der dem Ängstlichen nicht hilft. Ein Satz, der am Problem vorbeigeht, wenn es nicht eigentlich um Angst, sondern um Furcht geht: ein objektbezogenes Gefühl des Bedrohtseins.

Wer die Bilder von Krieg und islamistischem Terror einerseits und von Flüchtlingen auf den Schlepperbooten andererseits täglich ins Wohnzimmer geliefert bekommt, für den ist die Bedrohung, wenn er sich denn bedroht fühlt, nichts Unbestimmtes mehr. Man lebt auch in Sachsen nicht hinterm Mond, in Paris und Brüssel sind viele dann doch schon einmal gewesen, in Berlin sowieso. Oder kennen jemanden, den die Anschläge dort hätten treffen können.

Mit Migration und Veränderung haben die Menschen im Osten Deutschlands ohnehin viel mehr Erfahrung, als manchem Kommentator mit westdeutscher Perspektive bewusst ist – ein Umstand, der mir in diversen Gesprächen des letzten Jahres deutlich geworden ist. Migration und Veränderung kennt man hier nämlich nicht nur aus dem Fernsehen. Zumindest gefühlt erlebt man seit einem guten Vierteljahrhundert nichts anderes mehr. Die Skepsis gegenüber Veränderungen entspringt keineswegs nur einer verbreiteten konservativen Lebenseinstellung – die gibt es in der Tat auch –, sondern sie speist sich auch aus Verlusterfahrungen. Einige Beispiele mögen das illustrieren.

Ich bin als Pfarrer für vier Kirchgemeinden in sechs Dörfern zuständig. In meinem Arbeitsbereich lebten zum Jahreswechsel 2012/2013 knapp 2.500 Menschen, von denen gut 1.150 Kirchenglieder waren – für den Osten Deutschlands geradezu volkskirchliche Strukturen. In Relation zu den Einwohnerzahlen am 3. Oktober 1990 bedeutet das für die einzelnen Dörfer einen Bevölkerungsrückgang von acht bis 14 Prozent.

Das ist zum Teil besser als der Landesdurchschnitt, besser jedenfalls als in mancher Kleinstadt auf dem Land und kein Vergleich etwa zu Hoyerswerda, das seit der Wiedervereinigung fast jeden zweiten Einwohner verloren hat. In den letzten Jahren wurden wieder mehr Kinder geboren, neben der Tautenhainer Kirche hat die Stadt Frohburg 2013/14 einen Kindergartenneubau errichtet.

Von außen betrachtet könnte man also meinen, dass es zwischen Leipzig und Chemnitz gar nicht so schlecht aussieht. Und vieles funktioniert durchaus auch. Man kann hier gut leben. Aber die Zahlen trügen, insofern sie eine gewisse demografische Stabilität vorgaukeln. Das Durchschnittsalter steigt rapide, die Geburtenzahlen bewegen sich wahrscheinlich nur in einem Zwischenhoch. Und die Statistiken ändern ohnehin wenig an einem weitverbreiteten Lebensgefühl, das Veränderung mit Verlust verbindet.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die Gründe für dieses Lebensgefühl lassen sich zunächst an den kirchlichen Strukturen zeigen. Ihre Entwicklungen sind zwar nicht eins zu eins auf andere Bereiche übertragbar, aber oft ähneln sie dann doch den gesellschaftlichen Entwicklungen insgesamt. Wie erwähnt, bin ich als Pfarrer für sechs Dörfer zuständig. Ich kenne das nicht anders, seit ich vor sieben Jahren hierher in meine erste Pfarrstelle gekommen bin.

Immer wieder wird mir aber gesagt, dass die Arbeit doch eigentlich nicht zu schaffen sei. Viele Menschen erinnern sich nämlich noch gut daran, wie es früher war. 1910 lebten in meinem Pfarrbereich ungefähr genauso viele Menschen wie heute. Für die damals gut 2.500 Seelen, die seinerzeit praktisch alle als Kirchglieder gezählt wurden, waren vier Pfarrer zuständig, das war seit Mitte des 16. Jahrhunderts immer so gewesen. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren es dann noch zwei, seit 1998 dann zwei "halbe" Pfarrstellen, die 2002 zu einer Pfarrstelle zusammengelegt wurden. Von ehemals vier Pfarrhäusern ist jetzt nur noch eines als solches bewohnt.

Kirchliche Strukturen, die Jahrhunderte, Katastrophen, Kriege und Diktaturen überdauert hatten, sind innerhalb weniger Jahrzehnte fast verschwunden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir heute keine Staatskirche mehr haben. Seit dem Ende der Monarchie ist es relativ unkompliziert möglich, aus der Kirche auszutreten. Die antikirchliche Politik der DDR hat das befördert und die seit dem 19. Jahrhundert spürbare Säkularisierung damit beschleunigt, sie hat sie aber nicht ausgelöst.

Trotz der für die Kirche gerade in Ostdeutschland besonderen Situation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fügt sich der kirchliche Strukturabbau aber in der Regel in das Gesamtbild. Wo er es nicht tut, dann deshalb, weil kirchliche Strukturen verglichen mit staatlichen oder wirtschaftlichen Strukturen auch in Krisenzeiten relativ lange aufrechterhalten, also meist langsamer abgebaut werden.

© Eichborn Verlag

Tautenhain, das Dorf, dessen Pfarrhaus seit Ende 2009 mein Wohn- und auch Arbeitsort ist, war im Oktober 1990 eine selbstständige Gemeinde im Landkreis Geithain und zählte offiziell 660 Einwohner. Es gab einen Bürgermeister, einen Kindergarten, eine Schule, einen Fußballplatz, die Freiwillige Feuerwehr, zwei Gaststätten, eine Post, eine Sparkassenfiliale, Bäcker, Konsum – kurz: alles, was man für den normalen täglichen Bedarf an Infrastruktur braucht.

Heute sind davon noch die Feuerwehr und der Kindergarten übrig – und das Pfarramt. (...) Seit 1990 leben die Menschen hier mit ständiger Veränderung, die gemeinhin Strukturanpassung genannt wird. Die zahlreichen Verbesserungen, die es durchaus gegeben hat, treten demgegenüber in den Hintergrund, und das auch mit Erfahrungen unterlegte Gefühl sagt: Veränderung heißt Verlust, Strukturabbau, weitere Wege. Von oben angeordnet. Man sollte sich also nicht verwundert oder ungläubig die Augen reiben, wenn bei vielen meiner Nachbarn beim Stichwort "Veränderung" die Alarmglocken läuten. Sie haben keine generelle diffuse Angst vor Veränderungen, sie haben konkrete Befürchtungen.

Das Buch "Fürchtet euch nicht. Warum nur Vertrauen unsere Gesellschaft retten kann" von Sven Petry erscheint am 16. März in der Edition Eichborn.