Dies ist der tragische Tag, so sprach die Kanzlerin am 8. März 2017. Wir betrauern unser Wahrzeichen. Berlins Denkmal der deutschen Einheit, das Pilgerziel unzähliger Touristen – es steht nicht mehr. Zu befürchten war das längst, nun haben die Naturgewalten gesiegt. Als Trost bleibt, dass Potsdam noch ein Brandenburger Tor besitzt.

Fake-News? Das Datum stimmt. Der Regierungschef hieß allerdings Joseph Muscat. Er klagte um Maltas Wahrzeichen Tieqa tad-Dwejra, das Azure Window am Westgestade der Insel Gozo. Gerade hatte ich es noch besucht, am 30. August 2016. Das Azur-Fenster erwies sich als titanisches Kalkstein-Tor, durchschienen von Himmel und Mittelmeer. Jetzt zertrümmerten Winterstürme die herrliche Skulptur. Auch sie war durch Zerstörung entstanden, als vor Urzeiten Felsgewölbe barsten und das Azure Window stehen blieb. Im Internet äußerten Malteser ihre Trauer ohne Zorn. Natur gibt und nimmt. Nur ein russischer Ingenieur enthüllte, kraft seiner Expertise erkenne er im Azure Window prähistorische menschliche Architektur.

Persepolis und Palmyra, der Artemis-Tempel zu Ephesos, der von Jerusalem, Nazideutschlands Synagogen, Leipzigs Universitätskirche St. Pauli, der Berliner Palast der Republik – all diese Humanbauten wurden mutwillig zerstört, von Menschen. Der Ruin sollte ideologischen Triumph bezeugen. Natur siegt mit Gleichmut, freilich wird sie mitunter kurios beseelt. 1999 sah ich im Atatürk-Mausoleum zu Ankara Wolkenfotos, deren gläubige Betrachter Atatürks überirdisches Antlitz zu schauen meinten. 2004, auf Sardinien, fuhr ich mit einem Ausflugsboot von Alghero zur Neptunsgrotte. Plötzlich brachen die Italiener in Jubel aus: Ein wunderlich gezackter Fels erschien ihnen als Silhouette des göttlichen Dante. 2005 zerbrachen auf Rügen die Wissower Klinken. Mich grämte nicht die abgestürzte Kreide, ich bangte um Caspar David Friedrichs weiße Wand am Meer. Und nun um das romantische Malta.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 12 vom 16.3.2017.

An meinem fünfzigsten Geburtstag wanderte ich auf Helgoland zur Langen Anna. Dieser meerumbrausten Sandstein-Riesin wird noch ein halbes Jahrhundert prophezeit. Ich war ihr schnuppe, doch ihr sei gegönnt, dass sie länger rage als der staunende Besucher. Danach saß ich am Kaffeetisch von Erni Rickmers, der Schwester von James Krüss. Freigiebig schnackte mir die alte Dame die Inselwelt aufs Band. Zum Abschied schenkte sie mir wunderschöne Steine, die Kleinodien ihres Fensterbretts: Seeigel, Flintstein, Hühnergott ... Frau Rickmers!, rief ich, das geht doch nicht! Sie dürfen sich nicht berauben! Sie lachte: Nehmen Sie nur! Ich kann jeden Tag am Strand neue Schätze suchen.